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Von Untoten und Wiedergängern

Vom Baxmann, der einfach nicht sterben konnte

Von Annette Hensel

Ein Friedhof, Ruhestätte für die Toten. Plötzlich galoppiert ein kopfloser Reiter aus einer Gruft, streckt sich eine Kinderhand aus einem Grab in die Höhe ... Gruselszenen solcher Art sind keine Hollywood-Erfindung. Bereits 1552 wird in einem Lied von Hans Sachs von der Hand eines toten Jünglings berichtet, der seine Mutter zu Lebzeiten misshandelt hat und aus dem Grab heraus nach ihr greift. Ähnlich verhält es sich bei „Das eigensinnige Kind“ der Brüder Grimm, zu dem sie anmerken, es sei Sage und Glauben, dass dem, welcher seine Eltern schlägt, die Hand aus der Erde wächst.
Tote, die keinen Frieden finden und in die Welt der Lebenden zurückkehren, sogenannte Untote, Seelen- oder Wiedergänger, begegnen uns in Sagen und Märchen immer wieder. Dazu zählt auch der Hessisch Oldendorfer Baxmann, einer, der etwas auf dem Kerbholz hat und bei einem Lebensalter von 91 Jahren (im 17. Jahrhundert!) in den Augen der Zeitgenossen mit dem Teufel im Bunde stehen muss. Cordt Baxmann war Turmwächter und Stadtmusikant des Ortes, später Pächter des Ratskellers. Er soll Wanderer beraubt und getötet haben, Kornschmuggel und und andere Betrügereien sagte man ihm nach, die Menschen gehen dem Mann aus dem Weg.

Als er stirbt, sind alle froh. Doch wie erschrecken die Menschen, als er nach dem Begräbnis an seinem Fenster steht und der Trauergemeinde fröhlich zuwinkt. Ein erneutes Begräbnis bringt keinen Erfolg: Er mischt sich wieder unter die Gemeinde und spukt anschließend in seinem Haus herum. Mönche werden zu Hilfe geholt, um ihn zu verbannen. Doch er kann sich vom Bann der Mönche befreien. Erst der zweite Bann fesselt den Baxmann endgültig an die Höllenbachquelle in der Nähe des Totentals. Dort soll er die Quelle mit einem Sieb leerschöpfen, um Erlösung zu erlangen. Ein letztes Mal schafft er es, zurückzukehren, als die Quelle zufriert und er zerschlagene Eisstücke ins Sieb füllt. Einen erneuten Bann, bei dem er die Quelle mit einem Fingerhut ausschöpfen soll, konnte er der Sage nach bis heute nicht brechen. Manchmal, heißt es, begegne er Wanderern als schwarzer Hund mit glühenden Augen.
Untote treiben überall
auf der Welt ihr Unwesen
Untote treiben überall auf der Welt ihr Unwesen: Unter der Bezeichnung Draug wird in Norwegen von Toten erzählt, die keine ordentliche Bestattung erfahren haben. Im Sagenmärchen „Die Toten aus dem Meer und die Toten auf dem Land“ sieht ein Lehrjunge an Heiligabend am Hafen einen Draug, der sein Leben im Meer gelassen hat und zurückkommt, um einen lebendigen Menschen in die Tiefe zu ziehen. Das Rauschen des Meeres im Nacken und den Geruch von Salz, Tang und verfaultem Fisch in der Nase, kann der Junge mit letzter Kraft entfliehen, nimmt den Untoten jedoch mit allen Sinnen wahr, als dieser ihm lebensbedrohlich nahe kommt.
In der Mythologie der Untoten ist aus Trinidad und Tobago der Soucouyan bekannt, aus Albanien der Dhampir, abstammend vom Vampir, der stets auf der Suche nach Lebensblut ist. Zombies, in Zentralafrika beheimatet, sollen ihre Opfer würgen und Krankheiten und Seuchen verbreiten.
Andere Wieder- oder Seelengänger, „Aufhocker“, älteren Quellen nach „aufhuckende Leichen“, lassen sich von Lebenden tragen, bis diese erschöpft oder gar tot zusammenbrechen – wie bei Grimms Sage „Das Männlein auf dem Rücken“. Und wenn die Protagonistin in Grimms „Frau Berta oder die weiße Frau“ schwarze Handschuhe anhat, bedeutet ihr Erscheinen einen nahen Todesfall.
In Teilen Deutschlands war bis Anfang des 20. Jahrhunderts der Glaube verbreitet, dass Tote unheilvollen Einfluss aus dem Sarg heraus ausüben: Mithilfe des offenen Mundes oder Auges sollen die sogenannten Nachzehrer den Hinterbliebenen Lebenskraft absaugen und sie in den Tod ziehen. Auch der kopflose Reiter, der seine Opfer mit der Hand berührt und tötet, gilt als Wiedergänger, der für eine Sünde büßen muss. Dank Washington Irvings Novelle „The Legend of Sleepy Hollow“ wurde er weltberühmt. Neben Horror-Kinofilmen erfahren Untote auch in der TV-Serie „Game of Thrones“ oder in der modernen Fantasy-Literatur, die sich gerne alter Mythen bedient, Beachtung.
Ob Sage oder Thriller: Mit der Rückkehr der Toten ins Reich der Lebenden wird eine menschliche Urangst angesprochen. Archäologin Angelika Franz berichtet in einem Spiegel-Artikel von festen Bestattungsritualen im 19. Jahrhundert in Norddeutschland, „damit ein Toter im Grab bleibt“. Bei Ausgrabungen im Kloster Harsefeld sei ein Sarg verkehrt herum, mit dem Deckel nach unten liegend, in der Erde aufgefunden worden. Darauf befanden sich Ziegelsteine und der Sarg lag tiefer als gewöhnlich. „Jemand wollte diesen Toten definitiv sicher in der Erde wissen“, zitiert sie einen Kollegen.
Als „Wiedergänger-Bestattungen“ bezeichnet Franz jene Funde aus dem 14. oder 15. Jahrhundert, der Zeit der großen Seuchen, durch die „der erste Tote die anderen ins Grab nachholt“. Noch heute finden sich in Gräbern in der Vampir-Heimat Rumänien Leichname mit gepfählten Herzen – Bestattungsriten, die das Wiederkehren des Toten verhindern sollen.
Plötzlich ist die betreffende Person wieder da
„In uns selbst schlummern mitunter unschöne Erlebnisse mit Verstorbenen, die wir verdrängt, aber nicht begraben haben, weil eine Aussprache ausblieb.“ Plötzlich ist die betreffende Person wieder da, macht sich etwa nachts im Traum als Untote breit und beunruhigt, wühlt auf. „Geschichten von Begegnungen mit den Untoten sind auch ein guter Spiegel für die Frage nach der Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit“, sagt Heinrich Dickerhoff, Präsident der Europäischen Märchengesellschaft.
Untot scheint mitunter auch der Liebste zu sein, dessen Tod man nicht wahrhaben möchte – oder ein Mensch, von dem nicht Abschied genommen werden konnte: Soldaten, die nicht aus dem Krieg heimkehrten, Kinder, die plötzlich verschwanden oder unerwartet starben. Durch das nicht Loslassenkönnen sowie die fortbestehende Ungewissheit können weder Ruhe noch Seelenfrieden einkehren.
Um den Tod des Liebsten trauernd, gibt eine alte Amme der jungen Witwe Luisa den Rat: „Wer um einen Toten trauert und sich danach sehnt, ihn wiederzusehen, soll sich in einer Vollmondnacht vor einen großen Spiegel stellen, eine brennende Kerze in der linken Hand – dann wird er im Spiegel den sehen, um den er weint.“ Man könne „durch den Spiegel hinübergehen zu dem lieben Toten“, heißt es im argentinischen Märchen „Der Spiegel, der ins Jenseits führt“ weiter.
Wie vorhergesagt, trifft alles ein. Luisa geht mit ihrem Mann „durch einen langen dunklen Gang“ und bleibt bei ihm. „Manchmal kommt ihr alles wie ein Traum vor.“ Als sie ein Kind erwartet, muss sie in ihre Welt zurückkehren. Dort erklärt ihr die alte Amme: „Das Leben geht weiter.“

Fotos: Christian Manthey

 

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