wünschel

Von der bösen Kunst

„Gott grüße dich, du edles Reis“ - Einblicke in die Welt der Wünschelrutenläufer

Von Wilhelm Gerntrup

„Es ist dieses eine alte böse Kunst, welche in diesen letzten verderblichen Zeiten besonders ihr Haupt empor hebet, und sich der Welt als ein allwissendes Oraculum aufdringen will“ schimpfte vor gut 300 Jahren der sächsische Theologe und Schriftsteller Johann Michael Weiß. Mit der „alten bösen Kunst“ war die allerorten in Mode gekommene „Wünschelruten-Wahrsagerey“ gemeint. Um dem abergläubischen Treiben ein Ende zu machen, schrieb Weiß „aus Liebe zur Wahrheit und der fürwitzigen Welt zur Warnung“ ein 670-seitiges Aufklärungsbuch. Schon der Titel des 1704 gedruckten Werks machte Absicht und Inhalt klar: „Entlarvete Idolum der Wünschel-Ruthe“.

Pastor Weiß (1648-1726) war nicht der erste, der sich über das „unsinnige Ru-thengeläuf“ aufregte. Schon von alters her war der Einsatz der meist aus Haselnussholz geschnitzten Zwieselgerten heftig umstritten. Neben begeisterten Bewunderern melden sich regelmäßig auch Spötter, Zweifler und entschiedene Gegner zu Wort.
Wer wann wo als Erster auf die Idee kam, mit einer Astgabel nach Verborgenem zu suchen, weiß man nicht. Sicher ist, dass das eigenwillige „Handwerkszeug“ schon früh und in vielen Kulturen bekannt war. In frühen heimischen Quellen ist von „Wunskiligarta“ (Wünschelgerte) und/oder „Wickelrute“ (von „wicken“ = zaubern) die Rede. Sie sollen zunächst nur bei der Suche von Gold-, Silber- und Wasseradern zum Einsatz gekommen sein. Später kam das Aufspüren von versteckten Schätzen, entflohenen Sträflingen, hinterlistigen Nachbarn und gefälschten Reliquien hinzu.


Im 15. Jahrhundert kamen die ersten schriftlichen Herstellungs- und Gebrauchsanweisungen auf den Markt. Zu den bis heute bekanntesten Werken gehört das um 1490 veröffentlichte Buch „Vom Bergkwerck“. Darin beschreibt der aus der Gegend um Chemnitz stammende Geologe Georgius Agricola (1494-1555) den Einsatz der Wünschelrute beim Aufspüren von Erzvorkommen. Andere Autoren legten dar, wann und wie man die Wunder-Ruten herstellen, in den Händen halten und „einsegnen“ solle. „Gott grüße dich, du edles Reis, mit Gott dem Vater such ich dich, mit Gott dem Sohne find ich dich, mit Gott des Heiligen Geistes Kraft beschwör‘ ich dich, dass du mir wollest zeigen, was ich dir gebiete, und solches so gewiss und wahr, als Maria, die Mutter Gottes, eine Jungfrau war, als sie unseren Herrn Jesum gebar“, heißt es in einem spätmittelalterlichen „Ruten-Gebet“.

 

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Weit weniger poetisch fiel die Berichterstattung ab Ende des 17. Jahrhunderts aus. Im Gefolge der Aufklärung hatten Wunderglaube, Hexenkult und Zauber-Einmaleins an Strahlkraft verloren. Naturwissenschaftliches Denken und Handeln rückten in den Vordergrund. Doch auch das blieb nur eine Episode. Die Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung weckte Existenzängste und Zukunftssorgen. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung sehnte sich nach Althergebrachtem zurück. Das kam nicht zuletzt dem Ruten-Kult zugute. Der Glaube an die Astgabel erlebte eine Art „Wiedergeburt“. Für zusätzlichen Auftrieb sorgte der seit 1888 residierende Kaiser Wilhelm II. Der höchste Würdenträger des Reiches war bekennender Ruten-Fan. Glaubwürdigen Berichten zufolge konnte er sich mit geradezu kindlicher Begeisterung an Rutengänger-Vorführungen erfreuen. Er hoffe und wünsche, „dass die Kraft der Wünschelrute allgemein bekannt“ werde, ließ Majestät kurzerhand verlauten „weil dadurch viel Nützliches erreicht werden kann“.


Die Folge: innerhalb weniger Jahre formierte sich ein großer und einflussreicher Kreis selbst ernannter Experten. Zum harten Kern gehörten auffällig viele höhere königlich-preußische Beamte und Adlige. So wurde die Untersuchung der Wasservorkommen in Deutsch-Südwest-Afrika dem als überzeugter Rutengänger bekannten Landrat Rafael von Uslar, seines Zeichens Verwaltungschef des preußisch-schleswig-holsteinischen Kreises Apenrade, übertragen. Dass das Ergebnis von dessen zwei Jahre andauernder Mission dürftig ausfiel, schien später kaum jemanden zu interessieren.


1911 taten sich die konservativen Hobby-Rutengänger zu einem „Verband zur Klärung der Wünschelrutenfrage“ zusammen. (Selbst-) Kritik war unbekannt und unerwünscht. In einer regelmäßig erscheinenden Schriftenreihe wurde unverdrossen die These von der großen volkswirtschaftlichen Bedeutung des „Wünschelrutenphänomens“ vertreten. Höhepunkt der Kampagne war eine Resolution der Teilnehmer des Verbandstreffens im September 1913 in Halle an der Saale. Darin wurde jedweder Zweifel an ihren Thesen und Methode kurzerhand für unzulässig, weil böswillig, erklärt. Die damals ausbildungs- und berufsmäßig zuständigen Geologen, Historiker und Mediziner, die es hätten besser wissen müssen, waren längst auf Tauchstation gegangen.


Welches Ausmaß und welche Bedeutung das Rutenlaufen in der Geschichte der hiesigen Weserbergland-Region hatte, ist unerforscht. Die Quellenlage ist dürftig. Das Ruten-Gehen spielte und spielt sich bis heute im Privaten ab. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Vorgang „Ibornquelle“. Historischer Hintergrund: Ende 1918 beauftragte die Stadt Hessisch Oldendorf einen Rutengänger namens Johann Schreiber mit der Ausfertigung eines „Wassermutungsberichts“. Auslöser war der stetig nachlassende und zeitweise komplett ausbleibende Wasserdruck im öffentlichen Rohrleitungsnetz. Tatsächlich wurde Schreiber an etlichen Stellen fündig. Besonders heftig schlug seine Gerte in der Gemarkung Rohden unterhalb der Ibornquelle aus. Der Bericht darüber kostete 35 Mark. Ob das Gutachten seinen Preis wert war, wird man wohl nie erfahren. Vor Beginn der von Schreiber vorgeschlagenen Grabungen bekam der Magistrat kalte Füße. Der Ausbau der städtischen Wasserversorgung wurde nach den Plänen eines „normal“ (traditionell) vorgehenden Wasserbauingenieurs in Angriff genommen.


Zu den bekanntesten und umstrittensten „Fachbüchern“ gehört das Werk „Der heimliche und unerforschliche Natur-Kündiger, oder: Accurate Beschreibung von der Wünschel-Ruthe. Darinnen der besondere Nutz bey Entdeckung der Wasser-Quellen, Metallen, vergrabenen Schätze, Diebe und Mörder geschildert werden“. Als geistiger Vater des Buchs gilt der französische Gelehrte Pierre Le Lorrain de Vallemont (1649-1721). Dessen Originaltext wurde jedoch bei der 1694 herausgegebenen Übersetzung mit zusätzlichen, zum Teil absurden Thesen und irrwitzigen Theorien „angereichert“. Zu den interessantesten Details der französischen Urfassung gehören mehr als 20 Kupferstich-Darstellungen.