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Und schon war es wieder Scheiße

Klo-Bräuche und die Verbindung von Kot und Geld in Anekdoten, Sagen und Märchen

Von Cornelia Kurth

„Scheiße sagt man nicht“ heißt eine Ausstellung im Freilichtmuseum Detmold, die noch bis Ende Oktober 2016 über den Schüsselrand schaut und Interessantes aus der Kulturgeschichte der Toilette erzählt. Auch in Märchen und Gebräuchen ist das stille Örtchen und der Gang zum Klo eine feste Größe. Eine nicht ganz so stille Betrachtung.

Linsensuppe essen, das bringt Gold und Geld, jedenfalls wenn man es an Karfreitag oder Silvester tut. Die schwer verdaulichen Hülsenfrüchte kommen dann nämlich als Münzen hinten wieder raus. Ganz wirklich wird das wohl kaum passieren, und doch halten viele Menschen an diesem Festtagsbrauch fest. Vielleicht wird man dann ja zu einem der „Dukatenscheißer“, die Gold wie Heu besitzen. Irgendwie müssen die Reichen ja reich geworden sein, so dachte man sich, und gewiss nicht nur durch ehrliche Arbeit.

Besitzen Reiche einen Goldesel, wie der Müllersohn im Märchen „Tischlein deck dich“, einen Esel also, der Goldstücke ausspeit, nicht nur vorne, sondern auch hinten raus? Oder erhielten sie eine magische Puppe, wie die beiden Schwestern in einem Märchen von Ludwig Bechstein? Dieses setzten ihr „Dukaten-Angele“ täglich auf eine Tasse, und dann „machte“ es ein Goldstück; die bösen Nachbarn wollten es genau wissen, raubten die Puppe und hielten ihr gierig gleich eine Suppenschüssel unter fürs ganz große Geschäft. Da kam aber nur, nun ja, ein stinkender Haufen zustande.

 Klo hoch

Klohäuschen im Freilichtmuseum Detmold

Die Verbindung von Kot und Geld hat eine lange Sagen- und Märchentradition. Der Teufel und manchmal auch die Zwerge versprechen Gold und hinterlassen dann einen enttäuschenden Haufen Mist; am alten Gildehaus von Goslar befindet sich unter der Figur der „Göttin des Überflusses“ ein nacktes Steinmännchen, das seinen Hintern in die Luft reckt, um angeblich Dukaten zu scheißen; im Schweizer Uri hätte ein Mann nur rasch den Umhang über seine „Verrichtung“, jede Menge Goldmünzen, werfen müssen; er griff aber mit der Hand danach, und schon war’s wieder Scheiße.

Wenn man psychologische Deutungen beiseite lässt, geht es in überlieferten Geschichten immer wieder darum, das Rätsel zu klären, warum die einen reich sind und die meisten anderen so schrecklich arm.
Vor deutlichen Worten scheut man da nicht zurück. Der „Fischer und seine Frau“ leben in einem so heruntergekommenen Häuschen, dass es im Grimm’schen Märchen, zumindest in der Urfassung, schlicht „Pisspott“ genannt wird. Das klingt drastisch, aber warum soll nicht ein „Drecksloch“ eindeutig benannt werden, wenn selbst Georg Büchner die Großmutter seines „Woyzeck“ ein Märchen erzählen lässt, in dem schließlich die ganze Welt ein „umgestürzter Hafen“ ist – „Hafen“, das ist hier nur ein anderes Wort für eben einen „Pisspott“.

Den Menschen damals waren ihre Ausscheidungen viel unbefangener nah, als es uns heute mit den modernen wasserspülenden Toiletten ergeht. Die kleinen Kinder sitzen zwar wie eh und je noch auf ihren „Töpfchen“. Doch die Zeiten, da unter jedem Bett ein Nachttopf stand, damit man nicht in Dunkelheit und Kälte zum Plumpsklo wandern müsste (falls man denn eines besaß), sind längst vorbei. Niemand außerdem muss mehr fürchten, beim Gang durch die Stadt unvermittelt den Inhalt so eines Topfes vor die Füße zu bekommen, weil jemand es aus seinem Fenster auf die Straße entleerte. „Zinnober“, der garstige Zwerg aus E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Klein Zaches“ ertrank in einem silbernen Nachttopf. Heute wäre es wohl ein Keramik-WC gewesen.

Der Dichter Jean Paul hätte ein modernes Wasser-Klosett vermutlich eher selten benutzt. Er, der fleißige Schreiber und Biertrinker, hasste es, seine Arbeit ständig wegen eines Ganges zum Klo unterbrechen zu müssen. So war er seiner Vermieterin außerordentlich dankbar dafür, dass sie ihm einen besonders großen Nachttopf ins Zimmer stellte. „Nie war ich so stubenglücklich“, schreibt er um 1800 in Weimar. Nun könne er hintereinander ganze acht Seiten schreiben, bevor der Topf ausgeleert werden müsse (ob aus dem Fenster, darüber sagt er nichts).

Je mehr Menschen in die Städte zogen, desto problematischer wurde ein „Stuhl-Gang“, dessen Ergebnis die Öffentlichkeit verdreckte und mit Krankheitserregern verseuchte. Da die meisten städtischen Haushalte auch Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht über eigene Toiletten-Räume verfügten, auf denen man einigermaßen gemütlich sein Geschäft erledigen konnte, erfand man einige recht kuriose Geräte, die man mit dem Oberbegriff „Kackstuhl“ bezeichnen kann.

Im Detmolder Freilichtmuseum zeigt die Ausstellung „Scheiße sagt man nicht“ bis Ende Oktober 2016 einige solcher Stühle, die auf den ersten Blick wie Ohrensessel oder Wohnzimmerstühle wirken. Noch heute findet man sie, umgebaut, in Antiquitätenläden. So sehr war man daran gewöhnt, sein Bedürfnis auf mehr oder weniger öffentliche Weise zu verrichten, dass „Kackstühle“ als Möbelstück keinerlei Anstoß erregten, sondern purer Luxus waren, verglichen jedenfalls mit den eher kümmerlichen Plumpsklos, auf deren hölzernen Rand man sich leicht einen Splitter in den Po zuziehen konnte. Die Sonderausstellung geht das „Scheiße“-Themas erfrischend unkonventionell an, und nimmt dabei, wie der Titel es schon verrät, kein Blatt vor den Mund. Allerlei überlieferte Geschichten verzichten ebenso darauf.

Till Eulenspiegel etwa spielt einer besorgten Mutter einen üblen Streich. Diese bittet ihn um Hilfe für ihr Kind, das unter Verstopfung leidet. Eulenspiegel sagt zu. Als die Frau sich entfernt, „schiss er einen großen Haufen an die Wand“, stellte dann des „Kindchens Kackstühlchen“ darüber und setzte das kranke Kind darauf. Der dankbaren Mutter, die glaubt, ihr Kind sei nun gesundet, verspricht er: „Von dieser Arznei kann ich viel machen mit Gottes Hilfe.“

Sagensammler Ludwig Bechstein berichtet von einem Grafen zu Schwarzburg, an dem sich dessen eigener Lieblingsspruch erfüllte, den er immer dann anbrachte, wenn ihm etwas nicht gefiel. „Tu ich das, so müsse ich im Abtritt ersaufen“, soll er häufig gesagt haben. Ganz so geschah es dann auch, als er im Jahr 1186 wohl gegen seinen Willen im Reichstag zu Erfurt Friedensverhandlungen mit dem Kaiser musste und nach dem Friedensschluss der morsche Boden des Saales einbrach. „Unten aber war eine Kloake, darin aller Unrat aus den heimlichen Gemächern zusammenfloss“, heißt es in der Bechstein-Sage. Dahinein stürzte unter anderem der Graf und erstickte elendiglich.

In einer fränkischen Variante des Märchens von Frau Holle nun bestraft die „Hulda“ das faule und freche Mädchen nicht, wie bei den Grimms, durch eine Dusche aus Pech, sie öffnet gleich den gesamten Abtritt über ihr, so dass sich „Kot und Schmutz des ganzen Jahres“ über ihr ergießen. Was zunächst nach großem Unglück klingt, wird, in der Tradition des „Aus-Scheiße-Gold-Machens“, des Mädchens Glück. Nach und nach nämlich trocknet der Kot, der an ihr haftet, und kann als Dung verkauft werden. Schließlich verdient sie viel Geld in einem Metier, das man heute „Abfallwirtschaft“ nennen würde.

Den Besuchern der Ausstellung im Detmolder Freilichtmuseum stellte sich eine spezielle Frage so oft, dass Ausstellungsmacherin Janina Raub ihr einen eigenen Blog-Eintrag widmete: Was hat das Herz in den Türen vieler Plumpsklos zu bedeuten, das wollte man wissen. Antworten gäbe es so einige. Das Herzsymbol solle dem Gestank den Schrecken nehmen, wurde schon vorher in einer Umfrage des „Stern“ vermutet; oder es postuliere, dass das, was rauskommt, „von Herzen kommt“; vielleicht auch solle das Herz verhindern, dass einen „der Blitz beim Scheißen“ trifft. Janina Raub plädiert für eine Interpretation, auf die auch viele andere kamen: Die Herzform sähe aus wie ein umgedrehter Po, ganz im Sinne von: „Wenn’s Arscherl brummt, ist’s Herzerl gsund.“

 

Fotos: Freilichtmuseum Detmold/doro