Walking Dead Quer

The Walking Story

Über den Zombiefilm als moderne Wandersage

Von Uwe Pernack

Die US-Serie „The Walking Dead“ geht ab Montag in die siebte Runde. Seit der ersten Staffel 2010 beschert die Adaption der gleichnamigen Comicbuchreihe von Robert Kirkman und Tony Moore den Machern Einschaltrekorde – und zwar nicht nur in den USA. Dem Start des Zombie-Epos fiebert auch hier eine große Fangemeinde entgegen. Sein Reiz liege vor allem in den Beziehungsmustern der ewig gestressten Figuren, begründen die Macher den Erfolg. Doch was wären sie schon ohne die gruseligen Zombies? Und wem ist eigentlich bewusst, dass die Serie und auch andere Zombiefilme sich alter Sagenelemente bedienen? Ein gruseliger Rückblick.

Ein Mann wird schwer verletzt. Er fällt ins Koma. Als er daraus nach geraumer Zeit in einem Krankenhaus erwacht, ist er allein und völlig auf sich gestellt. Die Welt, wie er sie kannte, gibt es nicht mehr. Unheimliche menschenfressende Wesen haben jedwede staatliche Ordnung wie die Gesellschaft zerstört und sind im Begriff, die Menschheit als Ganzes zu vernichten. Das ist in etwa die Inhaltsangabe der ersten Folge der ab 2010 gesendeten Fernsehserie „The Walking Dead“. Und so nimmt auch – etwas vereinfacht dargestellt – die Handlung des im Jahr 1951 erschienenen Romans „The Day of the Triffids“ ihren Anfang.

Dieses Werk John Wyndhams ist eine epochemachende Dystopie, also eine fiktionale Erzählung mit negativem Ausgang. Es wurde nicht nur mehrfach verfilmt, sondern die Science-Fiction-Geschichte ist auch zu einer „Walking Story“ geworden, deren Verbreitung und Einfluss daran erinnern, wie in früheren Zeiten Wandersagen und deren Themen entstanden. Sind die menschenmordenden „Triffids“ noch durch Manipulationen der sie ausbeutenden Ölindustrie entstandene Hybridwesen zwischen Pflanze und Tier, so sorgen in Richard Matthesons 1954 erschienenem Roman „I am Legend“ an einer unbekannten Seuche Gestorbene und als Vampire von den Toten Auferstandene dafür, auf der Welt Angst und Schrecken zu verbreiten.

Walking Dead

Ebenso kongenial wie zivilisationskritisch ist die unter dem Titel „The Omega Man“ 1971 präsentierte Verfilmung dieses Romans: Der Einsatz biologischer Waffen rottet den größten Teil der Menschheit aus und lässt fast alle Überlebenden zu albinohaften Mutanten werden. In Los Angeles gründen einige von ihnen eine sektenartige „Familie“, die unter der Führung von „Bruder Matthias“ den vermutlich letzten noch lebenden, weil gegen die Kampfstoffe immunen, Menschen mit alttestamentarischem Eifer verfolgt. Die Figur des „Bruders Matthias“ kann für das Urbild aller „Governors“ und „Negans“ aus „The Walking Dead“ genommen werden. Psychopathen, denen sich erst in einer postapokalyptischen Welt die ersehnte Chance bietet, sich mit Charisma und Brutalität zu Anführern von Menschengruppen aufzuschwingen.

Zwar nicht gänzlich unbeeinflusst von den angeführten Themenvorläufern und Erzählmustern, kann George A. Romero dennoch für sich in Anspruch nehmen, 1968 mit dem Film „The Night of the Living Dead“ die ‚Mutter aller Zombiefilme‘ geschaffen zu haben. Erstmals erheben sich in einem Film Verstorbene aus ihren Gräbern und kennen danach als wandelnde Leichname nur noch eine Bestimmung: Mit ihren Zähnen den Lebenden das Fleisch vom Körper zu reißen, um es zu verspeisen. 1985 schließlich vereinte Romero in seinem Film „Day of the Dead“ den Ausbruch einer zuvor unbekannten Infektionskrankheit mit dem Auftreten menschenfressender Zombies zu einem bis heute Maßstäbe setzenden Horrorszenario.

 Was uns seither aus „The Walking Dead“ und vielen motivverwandten Serien und Filmen entgegengraut, ist aber nur scheinbar ein Phänomen heutiger Massenkultur. Tatsächlich handelt es sich hierbei um die Inszenierung von Sagenelementen aus dem Arsenal der europäisch-amerikanischen Volkspoesie. Eine Entwicklung, die bereits im 18. Jahrhundert begonnen hat. Das Repertoire an Grusel-Figuren und schockierenden Erzählelementen, das noch in den überlieferten Sagen durch Erschrecken und Erschüttern des Publikums dessen moralische Besserung erreichen sollte, wurde seinerzeit von nicht wenigen Autoren für ihre Schauermärchen, Gespenster- und Rittergeschichten Zug um Zug umfunktioniert.

Insbesondere in den englischen Gothic Novels wie in den Schauergeschichten der deutschen Schwarzen Romantik wurde das in die gewohnte Welt urplötzlich einbrechende Grauen seiner religiös-moralischen Bedeutung zugunsten einer affektorientierten Erzählstrategie weitgehend entkleidet. Die darauf aufbauende Entwicklung des Zombie-Genres hat in unserer Zeit schließlich zu Gore- und Splatterfilmen geführt, deren vornehmstes Ziel die Erregung und Befriedigung von Angstlust ist. Vornehmlich ein der Volkspoesie entliehenes Ensemble aus lebenden Leichnamen, Vampi ren und Nachzehrern, mit denen diese einst ihr Publikum das Fürchten lehrte, leistet auch heute noch in moderner Aufmachung Drehbuchautoren und Showrunnern gute Dienste.

Walking Dead

Von George A. Romero noch um dem Genre angepasste menschen- und leichenfressende Ghule aus dem Dämonenbestand arabisch-persischer Märchen erweitert, transformierte man aus diesem Ensemble des Grauens schließlich jene wandelnden, menschenfressenden Untoten, wie man sie aus „The Walking Dead“ kennt. Korrekterweise werden sie daher in dieser Serie selbst als „Walker“ (synchronisiert: Beißer) bezeichnet. Denn ihre populäre und in den Medien gebräuchliche Bezeichnung als „Zombies“ ist eigentlich nicht zutreffend. Es handelt sich eben nicht um von Voodoo-Priestern durch Magie versklavte Scheintote. Und auch die zuvor schon gezeigte Entwicklung und Verbreitung des Genres Zombiefilm vollzog sich in einer Art und Weise, die durchaus damit vergleichbar ist, wie sich viele Sagen entwickelt und verbreitet haben: Als Wandersage. Erzählinhalte von Ortssagen, die sich als besonders publikumswirksam erwiesen, finden sich nämlich oft, textlich variiert und in den Farben der betreffenden Region gehalten, auch in den Sagen vieler anderer Orte wieder. Was ihren Erfolg beim jeweiligen Publikum bis heute aber nicht gemindert hat. Wie auch der stetig wachsende Erfolg von Zombie & Co. sowohl bei der Eroberung fiktiver postapokalyptischer Welten als auch der Herzen ihres Publikums bereits 1968 in Romeros „The Night of the Living Dead“ vorausgesagt worden ist: „Sie kommen, und sie holen dich!“

Am Sonntag, 23. Oktober, wird die erste Folge („The Day Will Come When You Won’t Be“) ausgestrahlt. In Deutschland ist sie am Montag, eine Stunde nach der US-Ausstrahlung auf FOX zu sehen. Der Pay-TV-Sender zeigt die Folge um 4 Uhr nachts im Original-Ton. Die synchronisierte Fassung wird am Montagabend, 21 Uhr, ausgestrahlt. Eine Stunde später ist sie auf Sky Go und Sky Ticket abrufbar.

 

Fotos: Gene Page/AMC