Martinsabend

Vom Himmelssturm Wotans bis zum Martini-Markt – Legenden und Brauchtum um den Martinstag

Von Wilhelm Gerntrup

Der November ist seit alters her der Monat der Rückbesinnung und inneren Einkehr. Zu keiner anderen Jahreszeit gab und gibt es so viele Gedenktage. Den Auftakt machen die Katholiken mit Allerheiligen und Allerseelen (1. und 2.). Am 16. November des Jahres stimmen sich die evangelischen Gläubigen mit ihrem Buß- und Bettag auf den Totensonntag am 20. November ein. Zwischen diesen Tagen wird am 9. an „Reichskristallnacht“ und Judenpogrome erinnert. Und seit den 1920er-Jahren wird am 14. November ebenfalls konfessionsübergreifend – ein Volkstrauertag begangen.

Kein Wunder, dass es der am kommenden Freitag anstehende und eher fröhlich daherkommende „Martinstag“ zwischen all den schwermütig-schwergewichtigen Anlässen nicht leicht hat – zumal das Wissen um dessen Bedeutung und Geschichte immer mehr in Vergessenheit gerät. „Keine Ahnung – hat vielleicht etwas mit Martin Luther zu tun“, ist von jüngeren Zeitgenossen zu hören. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der eigentliche Namensgeber ist nicht Luther, sondern der „heilige Martin“ – ein im 4. Jahrhundert nach Christus lebender römischer Legionär, der nach einem wundersamen Erlebnis seinen Waffendienst quittierte, fortan als Mönch und Einsiedler lebte und später zum Bischof geweiht wurde. Der bescheidene und hilfsbereite Ex-Soldat war schon zu Lebzeiten ein hochgeschätzter und verehrter Mann und stieg zum Namenspatron zahlloser Klöster und Kirchengemeinden auf – hierzulande unter anderem in Stadthagen, Hohnhorst und Aerzen. Bereits im Mittelalter war der 11. November, der Beisetzungstag des Heiligen, ein wichtiger Feiertag.
Art und Umfang der Festlichkeiten waren und sind von Land zu Land und von Region zu Region verschieden. Am populärsten ist bis heute das „Martinssingen“: Kinder und Jugendliche ziehen von Haus zu Haus und bitten um milde Gaben. Der einst in der hiesigen Gegend gebräuchliche Liedtext scheint weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein und ist nur noch selten zu hören. Bis Ende des letzten Jahrhunderts gab es zur Belohnung Äpfel, Birnen und Nüsse. Heute wird am liebsten Bares genommen. Nicht nur deswegen müssen die Sänger immer öfter unverrichteter Dinge wieder umkehren. Genervte Wohnungsinhaber stellen vorsorglich die Klingel ab. Einige Tage zuvor waren schon Halloween-Trupps da.
Als Vorläufer des Martins-Singens gilt das „Kurrende“-Laufen. Als „Kurrende“ (vom lat. „currere“ = laufen) wurde das im Mittelalter weit verbreitete Umherziehen von armen und hungernden Kindern bezeichnet. Sie hatten sich in ihrer Not zusammengetan, um auf Straßen und an Haustüren milde Gaben zu erbitten. Belegt ist, dass auch Martin Luther als Kurrende-Sänger unterwegs war. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass viele junge Sänger schon einen Tag vor Martini, also am 10. November, dem Geburtstag Martin Luthers, ausschwärmen.
Wie bei den meisten christlichen Feiertagen sind auch die Anfänge des Martinsfestes von zahlreichen Legenden und Mythen begleitet. So soll der heidnische Vorgänger des heiligen Martin der nordische Gottvater „Odin“ gewesen sein. Zur Begründung wird auf das ähnliche Aussehen und Auftreten der beiden verwiesen. Sowohl der vormalige Söldner (bei seiner mildtätigen Begegnung mit dem Bettler) als auch Odin (während seiner furiosen herbstlichen Himmelsritte) waren in wehenden Mänteln und auf weißen Pferden unterwegs. Diese äußerliche Ähnlichkeit habe schließlich auch zu einer „rituellen Anpassung“ geführt: Aus dem traditionellen Erntedankopfer der hierzulande hausenden Germanen an den Schimmelreiter Odin sei Bitten und Geben beim Andenken an den ebenfalls Schimmel reitenden heiligenMartin geworden.
Weniger fantasievoll muten die Erkenntnisse und Thesen der Volkskundler an. Danach war das heutige Martini-Datum schon immer ein bedeutsamer jahreszeitlicher Höhe- und Wendepunkt. Er markierte das Ende der Hude-Saison im Walde und des bäuerlichen Schaffens draußen auf dem Felde. Fleisch, Kornvorräte und Brennholz wurden verstaut. Die Menschen bereiteten den Rückzug in die dunkle (Winter-)Behausung vor. In den Dank für die Gaben des Sommers mischten sich Ungewissheit und Ängste. Mangels wissenschaftlicher Erkenntnisse mussten althergebrachte Wetterregeln, Himmelszeichen und andere „Bauernweisheiten“ herhalten. Davon gab und gibt es mit Bezug auf den Martinstag eine ganze Menge. Bevor Licht und Farben für lange Zeit verschwanden, waren noch mal ausgelassene Feiern und Mummenschanz angesagt. Mit großem Hallo wurden die zurückkehrenden Hirten mit ihren seit Anfang Mai im Walde gemästeten Schweine und Ziegen empfangen. Man sang, tanzte und erfreute sich an (Martins-)Feuer, (Martins-)Gans und (Martins-)Trunk.
Darüber hinaus war der „Martensdach“ auch ein Zahltag. Mägde, Knechte und Tagelöhner bekamen vorm Verlassen des Hofes ihren Restlohn. Adlige Gutsherren, Klöster und andere weltliche und geistliche Grundherrschaften wurden von ihren zehntpflichtigen Untertanen mit Gänsen, Hühnern und anderen Naturalabgaben beliefert. Und auch die Pfarrer und Küster, die hierzulande von ihren Gemeinden unterhalten werden mussten, bekamen ihre fälligen Roggen- und Haferrationen ins Haus.
Irgendwann im Laufe des Mittelalters wurde aus dem Martini-Treiben in den Städten und Flecken ein jährliches Markt- und Kirmes-Geschehen – Vorläufer der heutigen Herbstmessen. Mancherorts ist bis heute von „Martinsmarkt“ und/oder „Martinimarkt“ die Rede. Eine der bekanntesten und traditionsreichsten Veranstaltungen dieser Art geht noch regelmäßig im Wilhelm-Busch-Dorf Wiedensahl über die Bühne. Termin ist laut einer 1832 vom Königlich -Hannoverschen Landdrosten erlassenen Verordnung der Donnerstag vor dem Martinstag.