Bestie

Kleines Bestiarium

Untiere und Monster, wie sie seit Jahrtausenden unsere Fantasie bevölkern

Von Richard Peter

Unser Jahrtausende altes Bestiarium, das so fantasievoll und vielgestaltig unsere Welt bevölkert – nichts als das Spiegelbild menschlicher Ängste. Und die Lust am Grusel. Drachen vor allem, die Sinnbilder des Chaos, auch als südliche Varianten mit Lindwurm und alpinem Tatzelwurm. Möglich, dass sich Bilder von Flugechsen aus der Zeit der so realen Saurier sich als nebulöse Erinnerung bei unseren Ururvätern ins Hirn gebrannt haben und erzählend am knisternden Feuer in Urhöhlen weitergegeben wurden. Drachen, meist geflügelt mit Adlerklauen oder Löwenpranken, die dazu noch beeindruckend Feuer speien konnten – Fabelwesen vieler Kulturen.

Diese meist gott- und menschenfeindlichen Ungeheuer hatten vor allem in der christlichen Agenda Aurum mit Georg, dem Drachentöter, einen populären Vertreter, der in fast allen Kirchen und auf Altären präsent war. Sinnbild für den Kampf Gut gegen Böse, wobei das Gute, dank Georg, allemal Gewinner war. Dazu Schutzpatron Englands – aber schon vor Jahrzehnten als Heiliger sozusagen exmatrikuliert. Es gab ihn einfach nicht und nur als spannende Geschichte. Aber es zeigt, wie sehr Drachen im Bewusstsein der Menschen verankert sind – und übrigens im Osten, ganz weit im Osten, in China und Japan, ganz anders gesehen werden. Meist sogar positiv – auch wenn es in den Märchen ganz linke Beispiele gibt – aber noch heute den Mittelpunkt prunkvoller Umzüge darstellen. Dennoch: Drachen als feuerspeiende Ungeheuer spuken in fast allen Märchen und Sagen der Welt herum. Bei uns auch als Fafner und Hüter des Nibelungenschatzes, der von Siegfried nicht nur in Wagners so monströser Bühnen-Tetralogie getötet wird. Drachen auch als Hüter zarter Jungfrauen und Urviecher, die Angst und Schrecken verbreiten.


Aber nicht nur Drachen, die unsere Fantasie beflügeln – so ein bisschen altbiblisches Sodom und Gomorrha, wo sich Mensch und Tier so gar nicht nach Gottes Vorstellung und Plan paarten – da hat er sich offenbar in der Dosis Sex vertan – bis es Altvater Jahwe zu bunt wurde und er – nach Daeniken natürlich atomar – dem Treiben ein Ende setzte. Nur zur Erinnerung: Lot, die sich gegen jegliches Verbot umdreht und zur Salzsäule erstarrt. Die Folge: Damit es überhaupt weitergehen kann, füllen Lots Töchter den Herrn Papa mit Wein ab und zeugen mit dem nun total Betrunkenen lebenserhaltenden Nachwuchs. Blutschande und Alkohol – was vermutlich einiges erklärt, wenn man sich unsere Geschichte vor Augen führt. Mittelalterliche Tafelbilder und die Triptychen eines Hieronymus Bosch wimmeln übriges nur so von Zwitterwesen. Schwamm drüber. Weltmeister der Fantasie und geniales Volk, das so ziemlich alles erfand oder zumindest ahnte, was auch unsere Welt noch bestimmt – die Griechen. Was ist nur aus ihnen geworden. Eine ihrer spannendsten Erfindungen: der Minotaurus im Labyrinth von Knossos, das von Daedalus geschaffen wurde, Papa von Ikarus, der so größenwahnsinnig zu hoch stieg und abstürzte. Wenn das, so nebenbei, kein lehrreiches Gleichnis ist. Der beeindruckende Stier von König Minos – menschlicher Körper mit gewaltigem Stierkopf – und niemand der ihn faszinierender dargestellt hätte als Picasso. Wunderwerke des Jahrhundertkünstlers mit dem so sexbestimmten katalanischen Blick – auch wenn er eigentlich aus Malaga stammt. Kraft und Erotik pur dieser Minotaurus, der mit Jünglingen und Jungfrauen gefüttert werden wollte und schließlich von Theseus erwürgt, der Dank des Ariadne-Fadens aus dem Labyrinth zurückfand.


Medusa – die einzige sterbliche Gorgone, ein weibliches Ungeheuer, meist mit Schlangenhaaren dargestellt, deren Anblick versteinert. Zwei gewaltige Ur- und Unwesen links und rechts der Straße von Messina, die so vielen Seeleuten zum Schicksal wurden: Skylla und Charybdis. Ein Naturphänomen, hervorgerufen durch Strömungen, wie man sie auch von anderen Meerengen kennt. Bei Schiller heißt es im „Taucher“, der genau diese Stelle meint: „Und es wallet und siedet und brauset und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt...“. Skylla, weibliches Wesen mit Busen und grauenerregendes Meertier vom Schoß abwärts, wohnt in einer Höhle und Charybdis, die „wasserstrudelnde Göttin“, wie sie von Circe genannt wurde, die nicht nur Odysseus becircte und seine Mannschaft allesamt in Schweine verwandelte. Männer sind Schweine – keine moderne Schlagerfantasie.

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Auch die Griechen haben natürlich einen sagenhaften Drachen. Python, wie er hieß, wurde von Apollon bezwungen und ist Namensgeber der Pythia von Delphi, die so viel orakelte, was oft so anders eintraf als vermutet. Alles Auslegungssache. Der Orakelspruch für Krösus beispielsweise, wenn er die Perser angreift, werde er ein großes Reich zerstören, hielt, was es verkündete. Nur dass Krösus sein eigenes Reich zerstörte und nicht das der Perser. Typischer Fall von dumm gelaufen.
Auch der alttestamentarische „Leviathan“ zählt zu den Drachen mit schlangenförmigem Körper, der in den Tiefen des Meeres wohnte und die Urkraft der See symbolisiert, bis er schließlich von Gott gebannt wurde. Viel Erfahrung mit seltsamen Geschöpfen hatte auch Herakles, der Sohn des Zeus und der Alkmene, die er als ihr Gatte Amphitryon geschwängert hatte. Ein Verwandlungskünstler par excellance dieser alte Schlawiner und Göttervater, der die Leda als Schwan beglückte, Europa als Stier, die Io als Wölkchen umgarnte, der Diana als Gold in den Schoß fiel und unermüdlich zeugte und zeugte. Nicht nur er – und wenn sie nicht gerade horizontal beschäftigt waren, machten sie sich anders unsterblich. Wie Herkules mit seinen Taten. Die erste „Arbeit“ für Eurystheus, Herrscher von Tiryns, als er den „Nemeischen Löwen“ töten sollte, dessen Fell gegen Eisen, Bronze und Steine gefeit war. Weil keine seiner Waffen etwas ausrichten konnte, erwürgte er schließlich das Ungeheuer. Auch als er das Dutzend vollmachte und den dreiköpfigen Zerberus, den Höllenhund töten und aus der Unterwelt auf die Erde bringen sollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Monster zu erwürgen.


Die Sphinx, die im 2. Jahrtausend vor Chr. in der Gegend von Theben mit menschlichem Kopf und geflügeltem Löwenkörper ihr Unwesen trieb, stammte ursprünglich aus Ägypten, wo sie später als „Jahrtausende“ auf Napolens Soldaten herabsah. Wer nach Theben wollte, musste ihr berühmtes Rätsel – des Morgens auf Vieren, des Mittags auf Zweien und des Abends auf Dreien – lösen, was nur Ödipus gelang, der das Rätsel mit „der Mensch“ beantwortete. Erst Krabbelkind, dann aufrechter Gang und schließlich mit Stock unterwegs. Aus Zorn stürzte sich die Sphinx in einer Schlucht zu Tode. Ödipus heiratete, da er gerade erst unwissentlich seinen König und Vater ermordet hatte, die Königin, die seine Mutter war, mit der er vier Kinder zeugte, darunter auch Antigone. Ödipussi heißt es bei Loriot.
Eine Besonderheit, die bis in unsere Zeit reicht: der Basilisk, König der Schlangen, der so grässlich war, dass er beim Anblick seines Spiegelbildes vor Schreck platzte. In Wien gibt es im ersten Bezirk immer noch das Basiliskenhaus.
Neben Chimaira, einem Mischwesen mit drei Köpfen (Löwe, Ziege, Schlange), gab es auch die geflügelten Harpyien mit ihren scharfen Krallen, Greife und Phönix, der zuletzt immer ein Ei legte, bevor er verbrannte, aus dem jeweils ein neuer Phönix schlüpfte. „Phönix aus der Asche“ – immer noch ein geflügeltes Wort.


Auch unsere Zeit kennt Untiere – Harpyien kommen auch bei Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ als Wilddruden vor und Nessie geisterte Jahrzehnte in Loch Ness durch die Saure-Gurken-Zeit der Medien. Gesichtet wurde sie, wie Schotten behaupten, frühestens nach der ersten Flasche Malt.