Jagd klein

Jäger in Märchen und Sagen

Mal gut, mal böse und wild, aber immer stark

Von Cornelia Kurth

Groß, finster und unheimlich ist der Märchenwald, ein Ort der wilden Tiere und Zauberwesen. Wer sich in seine Tiefen wagt, ist entweder ein Abenteurer oder auf der Flucht – mit einer Ausnahme: dem Jäger. In jedem fünften Märchen der Brüder Grimm spielen Jäger eine Rolle. Anders als heute, wo sich die Jagd der Kritik ausgesetzt sieht, dass sie in einer der letzten heilen Naturwelten unnötigerweise den Tod verbreite, kommen die Jäger im Märchen fast immer ziemlich gut weg, als Wegweiser für Verirrte, Retter für Verfolgte oder Verweigerer von Befehlen einer bösen Königin.

Dieses positive Bild des Jägers hat seine Gründe. Nicht nur hatten diese Männer keine Angst vor den Gefahren des Waldes, gegen die sie mit ihren Waffen gerüstet waren, sie gehörten oft auch zum Hofstaat von Königen und Adligen, die das Jagdprivileg besaßen und zählten also keineswegs zur niederen Klasse wie etwa die Köhler, Holzhacker oder gar die illegalen Wilderer. In einer Zeit, da es keine Ritter mehr gab, die als heldenhaftes Vorbild dienen konnten, eigneten sich die Jäger besonders gut als Vorbild für einen tapferen, wagemutigen, besonders maskulinen Mann mit Herz. So ist es also ein Jäger, der Schneewittchen nicht, wie befohlen, tötet, sondern es zu den sieben Zwergen bringt; ein Jäger schneidet Rotkäppchens Großmutter aus dem Bauch des Wolfes; Jäger können eine Fliege aus sechs Meilen Entfernung treffen oder verfressenen Riesen das Essen aus der Hand schießen, und es ist ein Jäger, der den mörderischen „Eisenhans“ gefangen nimmt.

In den Volkssagen allerdings kann von „guten Jägern“ weniger die Rede sein. Sie erzählen vor allem vom „Wilden Jäger“, oder von der „Wilden Jagd“. Zum einen waren die königlichen und fürstlichen Jagden für die einfachen Leute tatsächlich so etwas wie eine „wilde Jagd“. Die Jägertruppe trampelte oftmals Felder nieder, sie benahm sich arrogant gegenüber Bauern und Handwerkern und beanspruchte insgesamt das Wild des Waldes für sich. Wilderer wurden grausam verfolgt, für das Volk war das Jagen bei hoher Strafandrohung tabu. Zweitens aber – und das ist das eigentliche Grundmotiv der Sagen rund um die Jagd – entwickelte sich der „Wilde Jäger“ zu einer symbolischen Gestalt und hob sich immer mehr ab von realistischen Vorbildern. Meist ist er der Anführer einer rauen Jagdgesellschaft, die mit viel Lärm und Geschrei durch Wald, Feld und Gebirge zieht, den Menschen Angst und Schrecken einflößt und nicht selten als Vorbote düsterer Geschehnisse daherkommt. In ganz Deutschland kennt man Sagen rund um „Wilde Jagd“ und „Wilden Jäger“.

Eine exemplarische Figur in Norddeutschland ist dabei der „Wilde Jäger Hackelberg“. Einst, im 16. Jahrhundert, war Hanns von Hackelberg der Oberjäger des Herzogs Julius von Braunschweig, ein durchaus anerkannter, geachteter Mann, der die Hof- und Gesellschaftsjagden vorbereitete und leitete. Dass man in den Sagen von ihm berichtet, er habe ein gottloses Leben geführt, unzählige böse Taten verübt und kaum eine größere Freude gekannt, als schonungslos zu jagen und das erlegte Tier verenden zu sehen, hat wohl weniger mit seinem tatsächlichen Lebensstil zu tun, als mit der Legende, die sich um seinen Tod rankt und wodurch er sich einreihen konnte in die lange Reihe der „Wilden Jäger“.

Hanns von Hackelberg starb nicht auf der Jagd, aber doch durch die Hauer eines erlegten Keilers. Dieser Keiler galt als besonders bösartig und löste vielleicht deshalb einen Traum des Hackelberg aus, in dem er davor gewarnt wurde, an der Keilerjagd teilzunehmen. Hanns von Hackelberg hörte auf diese Warnung und blieb zu Haus. Als die anderen Jäger ihm später den toten Keiler zeigten, hob er dessen Kopf an und soll dabei voller Spott gesagt haben: „Nun hast du mir doch nichts anhaben können!“ Das aber war ein Irrtum. Als Hackelberg den Keilerkopf wieder losließ, schrammte einer der Hauer sein Bein und hinterließ eine Wunde, die sich entzündete. Noch am Abend des Tages starb der Oberjäger und stieß auf dem Totenbett den verzweifelten Wunsch aus, dass er bis zum Jüngsten Tag doch immer jagen wolle. Genau so geschah es.
Im Harz, bei Braunschweig, und ebenso im Weserbergland, im Mittelgebirge des Solling rund um Uslar entsteigt er seinem Grab, setzt sich auf seinen Schimmel und reitet durch die Lüfte, gefolgt von einer lärmenden Jagdgesellschaft.

Damit entspricht er genau den Bildern des „Wilden Jägers“ und seiner „Wilden Jagd“, wie sie bereits von den alten Germanen überliefert sind. Odin oder Wodan war der Anführer dieser Jagd, in den deutschen Sagen dann ein „Hassjäger“, „Tolljäger“ oder „Schimmelreiter“, denen ein Tross verlorener Seelen folgte. Wer Zeuge dieser Jagd wurde, musste meist bald sterben, und wer so tollkühn war, sich ihr in den Weg zu stellen oder gar den Führer anzusprechen, den erwartete kein besseres Schicksal. Die „Wilde Jagd“ war den Menschen gegenüber nicht unbedingt feindlich gesinnt, doch ihr Vorüberziehen bedeutete nichts Gutes. Bei den Germanen war sie der Vorbote eines nahen großen Kampfes.

Vermutlich entstand dieser Sagenkomplex aus der Angst vor einer ungezähmten Natur, mit ihren Stürmen und Gewittern, den klagenden Tönen von Vogelzug und Eulenruf. Immer wieder wird erzählt, dass die „Wilde Jagd“ quer durch ein Dorf rast oder sogar mitten durch ein einzelnes Gehöft. Um nicht selbst mitgerissen zu werden, soll es geholfen haben, sich zu bekreuzigen und flach auf den Boden zu legen. Andernfalls lief man Gefahr, selbst Teil der „Wilden Jagd“ zu werden und für immer ruhelos im irren Jagdzug mitzuziehen.

In Volksliedern und Gedichten spiegelt sich ebenfalls das zweischneidige Bild von Jäger und Jagd wider. Auf der einen Seite steht beides für Freiheit und Naturverbundenheit, auf der anderen Seite aber geht vom Jäger etwas Bedrohliches aus, bis hin zu einem Gedicht von Theodor Fontane, in dem es heißt: „Ich kenn einen Jäger, man heißt ihn ‚Tod‘: Seine Wang ist blass, sein Speer ist rot – Nicht fürcht ich ihn selber, wie nah er auch droht, doch wohl seine Rüden: Gram, Krankheit und Not.“
So finden sich unzählige Lieder, in denen die Jagd verherrlicht wird, mit Titeln wie „Auf, auf zum fröhlichen Jagen“, oder Textzeilen wie „Das edle Jägerleben vergnüget meine Brust“ und „Es lebt der Schütze froh und frei, mit ihm die ganze Jägerei“. Diese fröhlichen Gesänge werden allerdings durch zahllose eher melancholische Texte ergänzt: Die Freude des Jagens bedeutet ja immer auch den Tod friedlicher Waldbewohner. Joseph von Eichendorff macht daraus in seinem Gedicht „Zwielicht“ eine bedrückende Strophe über die Gefährdung des Lebens insgesamt. „Hast ein Reh du lieb vor andern, lass es nicht alleine grasen, Jäger zieh’n im Wald und blasen, Stimmen hin und wider wandern.“ Sein Fazit: „Hüte dich, bleib wach und munter!“