Rapunzel quer

Für immer mein

Rapunzel – ein Wunschkind zwischen erdrückender Mutterliebe und dem erlösenden Geliebten

Von Cornelia Kurth

Was für eine ungeheure Überraschung für das in seinem hohen Turm eingeschlossene Mädchen. Keine Tür, keine Treppe führt ja in das Turmzimmer, in dem sie lebt. Wenn sie von weit unten den Ruf hört: „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter!“, lässt sie ihren langen Zopf herab. Daran klettert die Zauberin, die sie gefangen hält, nach oben, um sie zu versorgen. Sie ist der einzige Mensch, den das Mädchen kennt. Aber eines Tages, da steigt nicht die Zauberin durch das Fenster, sondern ein schöner junger Königssohn.

Das Grimm'sche Märchen von Rapunzel gilt als eine der Märchen-Geschichten rund um die Pubertät und das Erwachsenenwerden. Zwölf Jahre alt ist das wunderschöne Mädchen mit dem langen goldfarbenen Haar, als die Zauberin sie in den Turm sperrt. Von Protest und Aufbegehren ist dabei allerdings nicht die Rede. Rapunzel nimmt das Eingeschlossensein einfach so hin. Die Zauberin erscheint ihr auch keineswegs als eine böse Frau, sondern als vertrauenswürdige „Gothel“, als eine Art Patin also. Bei ihr wächst sie auf, ohne anscheinend zu wissen, was mit ihr als Baby geschah. Die wahre Natur der Zauberin, ihre ungeheure Eifersucht, die erkennt sie erst, als der Königssohn ins Spiel kommt.
Rapunzels Eltern konnten lange kein Kind bekommen. Als die Mutter dann doch endlich schwanger wird, sieht sie vom Fenster ihres Hinterhauses aus Rapunzel-Pflanzen im Garten der Zauberin und bittet ihren Mann, einige Rapunzeln aus dem verbotenen Garten zu stehlen, wenn sie nicht sterben solle. Die meisten Märchenforscher gehen davon aus, dass mit den Rapunzeln Feldsalat gemeint ist. Sein hoher Vitamin-C- und Eisengehalt, dazu weitere wichtige Vitamine und Mineralstoffe machen ihn zu einem hilfreichen Lebensmittel in der Schwangerschaft. Der Mann wird von der Zauberin erwischt.

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Zwar darf er in Zukunft die Rapunzel-Pflanzen ernten, doch nicht umsonst. Das Kind soll gleich nach der Geburt für immer der Zauberin gehören, und wie zum Unterpfand für dieses Versprechen gibt sie ihm den Namen „Rapunzel“. Wo immer dieses Geschehen in der Märchenliteratur interpretiert wird, kommt man zu dem Schluss, dass die Mutter und die Zauberin zwei Seiten ein und derselben Mutterpersönlichkeit darstellen, eines Frauentypus nämlich, der erst im Muttersein zu sich selber findet und dann das Kind für sich beansprucht. Sie allein findet Zugang zu ihrem Mädchen, kümmert sich um ihr Wohl, ist die einzige Vertrauensperson. Der Einschluss in den türlosen Turm symbolisiert diesen Ausschließlichkeits-Anspruch.
Dieser versuchte Ausschluss aus dem Leben kann natürlich auf Dauer so wenig gelingen, wie bei Dornröschens hundertjährigem Schlaf hinter der Dornrosenhecke. Irgendwann schafft es immer ein Prinz, zum Mädchen durchzudringen. In Rapunzels Fall hört ein Königsohn ihren schönen Gesang, mit dem sie sich in der Einsamkeit die Zeit vertreibt. Er beobachtet die Zauberin, wie sie ins Zimmer des Mädchens gelangt und ruft dann selbst das Zauberwort: „Rapunzel, lass mir dein Haar herunter“. Zunächst erschrickt das Mädchen, ist dann aber angetan von seinen schönen Worten und denkt: „Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel.“ Gemeinsam schmieden sie Fluchtpläne.
Dass ihre (Stief-)Tochter Rapunzel jemand anderen lieber haben könnte als sie, davor hatte die Zauberin Angst. So wie Schneewittchens Stiefmutter es nicht ertrug, dass Schneewittchen schöner geworden war als sie, und so, wie überhaupt die meisten „Stiefmütter“ der Märchen ihre „Stieftöchter“ klein halten wollen (auch da geht man davon aus, dass die „Stiefmutter“ fast immer identisch ist mit der richtigen Mutter, und nur ihre böse Seite darstellt). Die Reaktion der Zauberin, als Rapunzels geheime Treffen mit dem Königssohn offenbar werden, sind drastisch. Das Mädchen wird erbarmungslos in die „Wüstenei“ geschickt, und der verlassene Königssohn springt in seiner Verzweiflung vom hohen Turm.
Wie es dazu kommt, darüber gibt es drei verschiedene Fassungen bei den Brüdern Grimm. Die allererste aus dem Jahr 1810 bezieht sich indirekt auf eine einigermaßen freizügige Feengeschichte, wie sie im 17. Jahrhundert am französischen Hof erzählt wurden. „Sagt mir doch, Frau Gothel“ spricht harmlos Rapunzel in Märchenfassung Nummer eins, nachdem das Paar eine Zeit „lustig und in Freuden“ verbracht hatte, „meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen mir nicht mehr passen“. Von dieser unschuldigen Frage bis hin zum Geheimnisverrat ist es nicht weit und die Zuhörer der Geschichte werden sich wahrscheinlich amüsiert haben. Jakob Grimm aber bekam Ärger wegen dieser Anspielung auf eine Schwangerschaft Rapunzels.
In Fassung Nummer zwei wird der Verweis darauf schon getilgt, und in der Endfassung verplappert sich das Mädchen nur noch, indem sie die Zauberin auf nicht gerade schmeichelhafte Weise fragt, warum sie so viel schwerer sei als der junge Königsohn, den sie nachher hochziehen werde. Eigentlich aber ändert das nichts. „Da hab ich dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!“ ruft sie und schneidet ihr – schon immer ein Zeichen der schmachvollen Bestrafung – den langen Zopf ab. Den bindet sie dann, perfide, an einen Fensterhaken und lässt ihn herab, als der Königssohn nach seiner Rapunzel ruft.
Wie die Zauberin ihn dann höhnisch beschimpft, damit kann jeder Zorn einer rachefreudigen „Königin der Nacht“ mithalten. „Du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken!“ Der entsetzte Jüngling stürzt sich in den vermeintlichen Tod, kommt zwar mit dem Leben davon, verliert aber im Dornengestrüpp sein Augenlicht, und irrt von da an weinend durch die Lande.

Die Zeit, in der Rapunzel und der Königssohn getrennt voneinander leiden müssen, wird im Allgemeinen als eine Zeit der Reife angesehen, die Prüfung, die jeder bestehen muss, um sich das Glück ehrlich zu verdienen. Rapunzel gebiert in der „Wüstenei“ ein Zwillingspaar, und endlich, nach Jahren, trifft dort der blinde Königssohn auf sie und erkennt sie an ihrer Stimme. Weinend fallen sie sich in die Arme, wobei Rapunzels Tränen dem Geliebten das Augenlicht zurückgeben. Sie kehren in das Königreich zurück und, wie kann es in einem Märchen anders sein, leben dort noch „lange und vergnügt“. Die eifersüchtige Zauberin-Mutter kommt in der Geschichte nicht mehr vor.
Nicht nur die Feengeschichte „Persinette“ war Vorbild für „Rapunzel“, die Grundidee vom im Turm eingeschlossenen Mädchen geht auf eine noch frühere Märchensammlung des Märchensammler Giambattista Basile von 1634 zurück. Auch die griechischen Sagen erzählen von einer Frau, Danaë, die von ihrem Vater im Turm eingeschlossen wurde, damit sie nur keinem Mann begegne und kein Kind bekomme, das, so die Prophezeiung, den Großvater töten werde. In diesem Fall ist Zeus persönlich der Eindringling. Als Goldregen gelangt er durch das undichte Dach zu Danaë, und Sohn Perseus wird geboren, um später das mörderische Orakel zu erfüllen.
Die Legende der Heiligen Barbara aus dem 3. Jahrhundert reiht sich ebenfalls ein in die Erzählungen von Frauen im abgeschlossenen Turm. Wieder agiert hier der Vater, der sie aus vergeblicher Eifersucht vor Männern, vor allem aber vor dem Christentum, wegsperrt. Verhindern kann er weder das eine noch das andere, was Vater und Tochter teuer mit ihrem Leben bezahlen.
Im Rapunzel-Märchen ist es die Mutterfigur, die eifersüchtig über die Tochter wacht.Viele andere Märchen setzen die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen in Szene. Auch darin spielt Eifersucht eine entscheidende Rolle. Um die Söhne mit ihrer wachsenden Stärke und Klugheit klein zu halten, stellen die Väter ihnen scheinbar unerfüllbare Aufgaben. Durchkommen tun sie damit nicht. Immer ist ein Sohn dabei, der die Herausforderung auf unkonventionelle Weise besteht. Nicht anders ergeht es den Königen-Vätern, die ihre Töchter nicht aus der Hand geben wollen. Noch immer hat sich ein Prinz gefunden, der selbst die schwersten Aufgaben zu erfüllen wusste und die Königstochter heiratete.

 

Fotos: Christian Manthey