Togo quer

Falsche Freunde

Die Rattenfänger-Sage wird weitererzählt

DAAD-Studenten aus aller Welt haben die Sage vom Rattenfänger weitererzählt. Befreit von Vorbehalten und Deutungshoheiten haben sie aus der Sage fantastische Märchen entstehen lassen. Und haben dabei keinen Gedanken daran verschwendet, was historisch möglich war und was nicht, sondern ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Eingeladen wurden sie dazu von der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe und dem DAAD. Für die Rattenfängersage hatte Hoppe, die in Hameln geboren ist, einen Einstieg beigesteuert. Gemeinsam ist vielen Geschichten, dass der Rattenfänger und/oder die Kinder in den Ländern der jeweiligen Autoren stranden, dort Abenteuer erleben und Aufgaben gestellt bekommen. Nur manchmal findet ein Kind den Weg nach Hameln zurück. Aus den beiden dicken Ordnern, bei Felicitas Hoppe in Berlin landeten, musste sie die besten von 196 Geschichten auswählen. Das sei so gut wie unmöglich gewesen, sagt Hoppe, und zwar vor allem, weil die Verfasser furchtlos zu Werke gegangen seien. In der FAZ wurde 18 Geschichten veröffentlicht. Von diesen 18 wiederum haben wir drei ausgewählt. Hier das Märchen aus Togo.

Von Koffi Emile Odoubou, Togo

Eines Tages, als die Sonne hoch am Himmel stand, kam ein europäisches Kind aus dem Berg Agou (1) heraus. Das Kind erschien genau an der Stelle, an der Ugba (2), der Gorilla, und Agama (3), das Chamäleon, vorbeigingen. Als sie dem kleinen Europäer begegneten, waren sie sehr erstaunt. Schließlich akzeptierten sie ihn als ihren Freund und nannten ihn Yovo (4). Danach gingen sie zusammen spazieren.

Sie gingen bis zu einem Feld, auf dem viele Kokospalmen standen, aus denen Wein abgezapft wurde. Plötzlich hielt Ugba an und wollte den Wein, der sich in Töpfen befand, trinken.           Seine Freunde versuchten, ihn daran zu hindern, weil der Besitzer sie erwischen könnte. Aber da der Gorilla störrisch war, sagte er ihnen: „Seid nicht so ängstlich; wartet! Falls der Besitzer uns fängt, trage ich allein die Verantwortung. Ich schwöre bei meinen Ahnen." So warteten Agama und Yovo und sahen dabei zu, wie ihr Freund sich betrank.            

Plötzlich, als das Kind aus Hameln auch den Wein probieren wollte, erschien ein zorniger Mann mit einer großen Keule in der Hand — der Besitzer der Palmen.  Unerwartet spielte Ugba den Unschuldigen und sagte: „Ich habe nichts getrunken. Wir sollten alle ein paar Schritte gehen, damit Sie den Dieb entdecken, da er betrunken sein und torkeln wird."Als das Chamäleon wie gewöhnlich schwankend vorwärts ging, wurde es hart geschlagen. Hätte das Kind nicht geweint und den Besitzer nicht um Gnade gebeten, wäre Agama getötet worden.

Trotz Agamas Zorn auf seinen Freund Ugba setzten sie gemeinsam ihren Spaziergang fort.

Am Ende des Tages stießen sie auf einen Bauernhof, zu dem eine riesige Kornkammer voller Mais gehörte. Die Bauern waren abwesend. Deshalb legte sich Ugba hin und schlief im Zimmer der Bauern. Agama und Yovo kochten etwas Mais für das Essen. Danach brannte Agama, ohne einen Grund zu nennen, die Kornkammer nieder. Als die Bauern zurückkehrten, lag schon alles in Asche. Sie waren sehr wütend auf Yovo und seine Freunde.

Schnell verteidigte Agama Yovo und sich selbst: „Bitte. Schauen Sie mal! Wenn ich das getan hätte, wären meine Handflächen schwarz geworden. Schauen Sie auch die meiner Freunde an!" Da Ugba schwarze Handflächen hatte, schlugen ihn die Bauern, bis er nicht mehr stehen konnte. Yovo aber war dieser Rachegeschichten müde und entschied sich, bei den Bauern zu bleiben, die ihn als ihr eigenes Kind aufnahmen. Die anderen, der Gorilla und das Chamäleon, gingen jeder seinen Weg.

 

(1) Agou: der höchste Berg in Togo              

(2) Ugba heißt Gorilla auf Akposso, einer südosttogoischen Sprache.         

(3) Agama heißt Chamäleon auf Ewe, einer südtogoischen Sprache.       

(4) Yovo bezeichnet einen Europäer oder eine Europäerin auf Mina, einer südtogoischen Sprache.        

 

 

Illustration: © Christian Padberg

Die Geschichten der DAAD-Studenten wurden in dem Buch "Ein Märchen geht um die Welt - Neues vom Rattenfänger" veröffentlich, das leider vergriffen ist.