Mord bei Grohnde

Fährmann sprach Todesurteil

Gedenkstein an B83 erinnert an Mord bei Grohnde und Hinrichtung bei Latferde

An der Platanenallee bei Grohnde – auf der Stützmauer des „Kleinen Holzes“ – steht in Stein gemeißelte Heimatgeschichte. Tagein, tagaus fahren 10000 Menschen an einem Sühnestein vorbei, der an einen spektakulären Mord erinnert. Die Inschrift, die kaum jemand lesen wird, weil es an dieser Stelle keinen Fußweg gibt, lautet: „D. 6. Febr. 1741 ist alhie ermordet und beraubet Johan Jürgen Geis. Grohnd. Ohs. und pollischer Amtsbote, der treu in seiner Verrichtung und bey jederman beliebt war. Der grausame Thäter ist mit glühenden Zangen gerissen, mit Keulen erschlagen und aufes Radt gelegt d. 21. Apr. 1741“

Von Ulrich Behmann

Die näheren Umstände des Verbrechens, an die die alte Sandsteinplatte erinnert, werden jedoch nicht erklärt. Was ist noch über das Opfer bekannt – und wer war der Täter? Wie wurde der Mörder überführt? Wer sprach das Todesurteil? Und wo befand sich die Richtstätte? Fragen, auf die selbst erfahrene Heimatkundler wie der 87-jährige August Brandau nicht immer Antworten haben. Brandau und der ehemalige Gemeindedirektor und Grohnder Bürger Martin Delker sind sich in einem Punkt einig: „Der Stein steht nicht an der Stelle, an der er stehen müsste.“

Recherchen im Dewezet-Archiv führen zu einem Artikel, der am 18. Januar 1941 erschienen ist und aus der Feder von Hans Prigge stammt. Der Lehrer aus Polle hat seinerzeit das Grohnder Kirchbuch studiert und ist dabei auf interessante Informationen gestoßen. Aus dem Zeitungsbericht geht hervor, dass der Mord an dem weithin bekannten Amtsboten der Ämter Grohnde, Ohsen und Polle, Johann Jürgen Geisen, vor 270 Jahren für größte Aufregung gesorgt hat. Am 6. Februar 1741 war Geisen, wenige 100 Meter östlich von Grohnde auf der Grohndischen Amtsweide, tot aufgefunden worden. Der Bote soll abends gegen 18 Uhr „in der beginnenden Dunkelheit ganz unvermutet überfallen“ worden sein. Der Täter hatte ihn von seinem Berufswagen heruntergerissen und ihn – wie es heißt – mit „drei Hieben in den Hals und vielen unmenschlichen Schlägen umb das Haupt elend getötet“ und dann seinen Wagen geraubt.

Sofort wurde eine Fahndung ausgelöst – und bereits 26 Stunden nach der Tat hatte man den mutmaßlichen Mörder, einen Schneider namens Johann Jürgen Sporleder, gefasst. Der Mann wurde am 7. Februar gegen 20 Uhr in seiner Wohnung in Polle verhaftet. „Eine Hausdurchsuchung führte auch das geraubte Geld zutage, bei dessen Vorführung dem Täter nichts weiter übrig blieb, als ein Geständnis abzulegen“, zitiert Prigge aus dem Kirchenbuch.

Der ermordete Bote, „der 40 Jahre weniger zwei Monate und zwei Tage alt geworden war, und dessen guter Ruf von mehreren Seiten bezeugt wird, wurde am 12. Februar, dem Quinauagestimä, auf dem Friedhof zu Grohnde bey ungewöhnlich volksreicher Versammlung mit einer Leichenpredigt zur Erde bestattet“. Den Mörder brachte man zunächst in das Amtsgefängnis der Poller Burg, aber schon nach zwei Tagen schaffte man ihn nach Grohnde, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Da der Fall klar war, fand schon zweieinhalb Monate nach dem Mord, am 21. April 1741, die Hinrichtung statt.

Das Todesurteil hat kein Jurist gesprochen – es war der Fährmann von Grohnde. Aus der Schriftenreihe des historischen Archivs der Gemeinde Emmerthal geht hervor, dass der damalige Richter wohl Johann Heinrich Bruns gewesen ist. Er war von 1740 bis 1749 Fährmann von Grohnde. Ihm war zu damaliger Zeit auch die Fährgerichtsbarkeit übertragen worden. In der Schriftenreihe heißt es: „Der Fährgerichtssprengel reichte auf dem Fluss etwa 500 bis 1000 Meter oberhalb und unterhalb der Fährstelle und eine Steinwurfweite landeinwärts. Solche Begrenzungen kannte das deutsche Recht.“

Die Hinrichtung wurde laut Prigge auf der Richtstätte des Amts Grohnde, dem über der Ilse und der Ilsemühle gelegenen Ilseberg bei Latferde, vorgenommen. Wenige Monate vorher, im Jahr 1740, hatte man hier auch einen Pferdedieb gehängt, „aber bei der empörenden Rohheit, mit der der Raubmörder Sporleder vorgegangen war, glaubte man nach der Auffassung der damaligen Zeit, mit durchgreifenderen Strafen vorgehen zu müssen“, schreibt Prigge.

Die Heimatkundlerin Annemarie Rein-Piepho berichtete in der Dewezet, der Täter sei bereits auf der Überfahrt von Grohnde zum Gerichtsort im Fährhaus „mit glühenden Zangen“ gefoltert worden.

Das Grohnder Kirchenbuch schließt laut Prigge seinen Bericht mit den Worten „Auri saera fames, quid non cogis mortalis pectora.“

Dieser nicht ganz korrekt zitierte Satz dürfte von dem bedeutenden römischen Dichter Vergil stammen und der Aeneis entlehnt sein – er lautet eigentlich: „Quid non mortalia pectora cogis, auri sacra fames.“ Übersetzt heißt das: „Wozu treibst du nicht die Herzen der Menschen, verfluchter Hunger nach Gold!“