Einhornhöhle

Das edle Einhorn

Geschichte eines Fabelwesens

Von Cornelia Kurth

Einhörner, wunderschön, sanft und scheu, doch zornig gegen Feinde, die sie mit ihrem spitzen, gezwirbelten Stirnhorn töteten – es gibt nicht viele mythische Wesen, an deren reale Existenz jahrtausendelang geglaubt wurde. Man wusste schon von den Persern her, wie Einhörner aussahen, man gab diese Beschreibungen und weitere Erzählungen in Reiseberichten, Volksbüchern, wissenschaftlichen Arbeiten und als Historiker weiter.


Selbst in der Bibel spielen sie eine Rolle. Als sich endlich ab dem 19. Jahrhundert die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass Einhörner dem Reich der Fantasie angehören, lebten sie immer noch in Märchen und Legenden fort, in Büchern, Comics und Filmen, ganz zu schweigen vom aktuellen Einhorn-Hype, der mit Kinderspielzeug, Einhorn-Schokolade und Einhorn-Toilettenpapier bedient wird. So sicher war sich zum Beispiel die Äbtissin Hildegard von Bingen, sie könne arabischen Überlieferungen rund ums Einhorn Glauben schenken, dass sie in ihren Schriften der „Physica“ genauestens Auskunft gab über das Wesen des Einhorns, wie man es fangen und wie man aus den Körperteilen dieses fantastischen Tieres allerlei Medizin gewinnen kann.

„Es frisst reine Kräuter“, schreibt sie um 1150, es mache beim Gehen gleichsam Sprünge, und da es Menschenmänner und Tiere fliehe, sei es unmöglich, es zu fangen, es sei denn, man nutze seine Neugier in Bezug auf Frauen aus: „Wenn das Einhorn von fern ein Mädchen sieht, wundert es sich, dass es keinen Bart hat, und wenn zwei oder drei Mädchen zusammen sind, wundert es sich umso mehr und wird umso schneller gefangen, solange es seine Augen auf sie richtet.“
So sehr Hildegard von Bingen auch fasziniert ist vom Einhorn, so pragmatisch notiert sie, welchen Nutzen ein totes Einhorn den Menschen bringen kann. Fertige man aus seiner Haut einen Gürtel an, sei man vor Übel und Fieber geschützt, während Schuhe aus Einhornfell für gesunde Füße, Beine und Nieren sorgen. Ein wahres Wundermittel lasse sich aus Einhornleber herstellen, eine Salbe nämlich, die sogar gegen den Aussatz helfe.
Selbst ausprobiert haben kann sie sicherlich keines dieser Rezepte, es sei denn, sie wäre auf einen der Quacksalber hereingefallen, die mit gefälschten Einhorn-Zutaten ihr Geld machten. Allerdings heißt es von vielen Arzneien der Hildegard, sie seien eh zumeist unwirksam und in manchen Fällen regelrecht schädlich gewesen. Martin Luther habe kurz vor seinem Tod eine Zubereitung mit „Unicorn“ eingenommen, schreibt die Deutsche Apothekerzeitung anlässlich einer Ausstellung in Leipzig über das Fabeltier, das so vielen Apotheken seinen Namen gab. Doch habe das dem todkranken Luther, „wie wir wissen“, nicht geholfen.
Zu Luthers Zeiten zweifelte kaum jemand an der Existenz von Einhörnern

Luther selbst trug insofern dazu bei, als er bei seiner Bibelübersetzung aus dem Altgriechischen einen Übersetzungsfehler übernahm, den andere vor ihm bei der Übersetzung des hebräischen Wortes für „Widder“ oder „Auerochse“ gemacht hatten: Aus dem Wort „re’em“ wurde so ein „Einhorn“, das immer mal wieder durch die biblischen Geschichten wandert, dabei oft als sehr gefährlich beschrieben. Einhörner gab es nicht nur in weit entfernten Erdteilen, sondern ebenso in deutschen Landen. So selbstverständlich ging man von ihrer Existenz aus, dass die Brüder Grimm im Märchen vom „Tapferen Schneiderlein“ wie nebenbei davon erzählen. Das Schneiderlein soll dem König seine Tapferkeit beweisen. Zu den gestellten Aufgaben gehört es, ein bösartiges Einhorn zu fangen, dass in den Wäldern großen Schaden anrichte. Als der kleine Schneider vom wütenden Tier verfolgt wird, klettert er auf einen Baum, das Einhorn aber bleibt mit seinem Horn fest im Stamm stecken und kann nicht mehr entkommen. Wie fast alle anderen Wissenschaftler auch, glaubte der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ebenfalls daran, dass Einhörner existieren. Ein Rätsel blieb, warum man nie eines zu Gesicht bekam. Einhorn-Knochen aber schien es unbedingt zu geben, zum Beispiel in der sogenannten „Einhorn-Höhle“ im Harz bei Scharzfeld, etwa 50 Kilometer von Göttingen entfernt. Bereits seit dem 16. Jahrhundert kursierten Berichte über die ungeheuren Mengen an Knochen, die man im herausgelösten Kalkgestein der Karsthöhle finden konnte.

Geschäftstüchtige Menschen sammelten diese den Einhörnern zugeschriebenen Knochen, um Zähne und Knochenmehl als Medizin gegen alle nur denkbaren Krankheiten zu verkaufen. Bei diesem Handel konnte man reich werden, wogen die Apotheker Reste des „Unicornu fossile“ doch mit Gold auf, um daraus dann ihre Allheilmittel herzustellen. Noch lange, nachdem der Kieler Arzt Johann Daniel Horst im Jahr 1656 richtig erkannt hatte, dass es sich bei den Knochen in Wirklichkeit um Überreste unter anderem von Bären handelte, hielt man daran fest, es müssten Einhorn-Knochen sein.

Von Leibniz ist eine Zeichnung überliefert, die ein Einhorn-Skelett darstellt, rekonstruiert aus Knochenfunden und natürlich reines Fantasieprodukt. Magdeburgs damaliger Bürgermeister Otto von Guericke, hatte im Zeunickenberg bei Quedlinburg dieses Skelett entdeckt. Sein „Einhorn“ besitzt nur zwei Beine und stützt sich auf einen Schwanzstummel, mit dem es sich bestenfalls im Schneckentempo hätte vorwärts bewegen können. Dass selbst Naturwissenschaftler dieses Gebilde aus Knochen von ausgestorbenen Mammuten und Wollnashörnern für ein Einhorn hielten, zeigt, wie lange es dauerte, dass sich die Wissenschaft gegen Mythen und biblische Vorgaben durchsetzen konnte.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass alles, was man für Einhorn-Überreste gehalten hatte, fossile Überreste von großen Säugetieren waren. Noch in dieser Zeit glaubten ja die meisten Menschen, die Erde könne nicht älter als 6000 Jahre alt sein, ganz so, wie man es anhand der biblischen Geschichten errechnet hatte. Fossilien bereits ausgestorbener Tiere passten nicht in dieses Weltbild. Inzwischen weiß man, dass die „Einhorn-Höhle“ bereits Neandertalern als Unterschlupf gedient hatte. Ein gemeinnütziger Höhlen-Verein betreibt dort ein Museum, bietet Höhlenwanderungen an und stellte am Höhleneingang eine hölzerne Skulptur auf, die anhand der Zeichnung von Leibniz gebaut wurde. An die 25 000 Besucher pro Jahr kommen zur „Einhorn-Höhle“. Noch keiner von ihnen aber hat je einen echten Einhorn-Knochen entdeckt.

 

Foto: dpa