weißer Hirsch quer

Ein göttlicher Bote

Der weiße Hirsch - Reittier in die Anderswelt

Der Hirsch ist in vielen Religionen das Symbol für den sterbenden und wiederauferstehenden Gott. In den meisten vorchristlichen Religionen ist der Hirschgott ebenfalls verkörpert. Im Schamanismus ist der Hirsch, meistens als weißer Hirsch, das Reittier in die Anderswelt. Auch in den keltischen Geschichten taucht der Hirsch im Zusammenhang mit der Nähe der oder dem Übergang in die Anderswelt auf. Die weiße Farbe ist neben ihrer Bedeutung als Reinheitssymbol auch eine Farbe für die Anderswelt.

Der weiße Hirsch - eine Laune der Natur - war den Menschen in früheren Jahrhunderten suspekt. Sie konnten sich dieses Phänomen nicht erklären und hielten es für ein Zeichen nahenden Unglücks. So hält sich bis heute die Geschichte, dass vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf einer kaiserlichen Jagd ein weißer Hirsch geschossen worden und dies der Vorbote für den Ausbruch des Krieges gewesen sei. Rein naturwissenschaftlich betrachtet, stammt der weiße Hirsch mit den märchenhaften blauen Augen in der Regel von dunkler gefärbten Eltern. Die Erklärung für die Farbanomalie ist: Sie wird rezessiv vererbt, also von der dunklen Farbe sozusagen überdeckt. Daneben gibt es - wie bei vielen anderen Tieren und auch dem Menschen - Albinos. Die haben allerdings rote Augen.

Für unseren Kulturraum ist wohl die keltische Gottheit Cernunnos am wichtigsten. Die berühmteste Abbildung des Gottes dürfte die auf dem „Kessel von Gundestrup“ sein. Der Kessel wurde 1891 in Nordjütland (Dänemark) gefunden und stammt aus dem 1. oder 2. Jh. n. Ch. Die Abbildung darauf zeigt den Gehörnten in einer Gruppe von Tieren sitzend mit einem Hirschen rechts und einem Wolf links. Er sitzt trennend zwischen diesen beiden Tieren, die für das Leben (Hirsch) und für Tod und Vernichtung (Wolf) stehen. Cernunnos zwischen den beiden Tieren vermittelt zwischen Tod und Auferstehung. Die Geschichte hält vieler solcher Beispiele bereit, darunter sogar Hirsche, die ein Kreuz in der Mitte ihres Geweihs trugen. Im Jahr 777 beispielsweise ging Gunthar, Sohn des Herzogs Thassilo von Bayern, in einem Sumpfgebiet auf die Jagd. Er verfolgte einen wilden Eber, den er mit seiner Lanze traf, doch das Tier erwischte ihn gleichzeitig mit seinen Hauern. So starben beide. Nach Auffinden des toten Sohnes hielt der Vater Wache bei der Leiche und sah währenddessen einen Hirsch aus dem Wald treten – ein göttliches Zeichen. Er ließ den Sohn an dieser Stelle begraben und eine erste kleine Kapelle erbauen, aus der sich das berühmte Kloster Kremsmünster entwickelte.

Hirsche sind bei vielen Heiligen als Begleiter zu finden. So bei der Heiligen Ida von Herzfeld (um 820), Johannes von Matha (1160 bis 1213), Felix von Valois (1127 bis 1212) und besonders beim Heiligen Hubertus im 8. Jahrhundert. Er ist bis heute Schutzheiliger der Jäger, und im November finden an vielerorts Hubertusandachten statt. Bis ins 19. Jahrhundert wurde auch der Heilige Aegidius als Schutzheiliger der Jagd verehrt. Wahrscheinlich im 7. Jahrhundert in Athen geboren, lebte er zunächst als Einsiedler am Rande der Camargue bei Arles in Frankreich. Der Legende besuchte er in seiner Höhle jeden Tag eine Hirschkuh. Als diese einmal auf der Jagd vom König verfolgt wurde, traf der Pfeil desselben nicht die Hirschkuh, sondern den Heiligen Aegidius. Der König fühlte sich schuldig und errichtete auf Bitte des Heiligen (wohl um 680) das Kloster St. Gilles, wo er als erster Abt desselben 720 beigesetzt wurde. Nach der Zerstörung des Klosters während der Französischen Revolution um 1789 sind die Gebeine des Heiligen in die Kirche St. Sernin in Toulouse überführt worden. Dort ruhen sie bis heute in einem Schrein. Der Heilige Aegidius zählt zu den 14 Nothelfern und war im Mittelalter einer der populärsten Heiligen. Sein Gedenktag ist der 1. September. Die im 11. Jahrhundert errichtete Kirche in Holtensen bei Hameln wurde dem Heilige Aegidius geweiht. Dort finden wir ihn mit einem Hirsch dargestellt.

Legenden, in denen Hirsche eine Rolle spielen, finden wir auch in unserer Region. So hat der Heilige Meinolfus 836 unweit von Paderborn das Kloster Böddeken gegründet, wo er ein Rudel Hirsche hatte weiden sehen. Ebenso erging es Graf Widukind von Schwalenberg, der auf einer Lichtung bei der Oldenburg einen weißen Hirsch weiden sah und dort 1128 das Kloster Marienmünster gründete. Die Grafen von Schwalenberg und später auch die Grafen von Pyrmont blieben mit diesem Kloster stets verbunden. Jedes Mal, wenn ein Familienmitglied starb, so heißt es, erschien vorher in einer hellen Mondnacht ein weißer Hirsch.
An der Kirche in Neersen ist sogar ein weißer Hirsch über dem alten Kircheneingang dargestellt. Das Kirchenschiff ist, wie die Zahl darüber belegt, 1536 erbaut worden. Damals regierten in der Grafschaft Pyrmont die Grafen von Spiegelberg-Pyrmont, deren Wappentier der Hirsch war und davon kündet, dass sie die Erbauer des Kirchenschiffs waren.

Eine Legende berichtet davon, dass der Kirchengründer im 13. Jahrhundert lange überlegt habe, wo er die Kirchen errichten solle. Während einer Jagd erschien ihm auf einer kleinen Bergkuppe ein weißer Hirsch, der ihm dabei half, die richtige Entscheidung zu treffen.
Auch das Dachtelfeld im Süntel kann mit einer Sage vom Weißen Hirschen aufwarten, allerdings hat er hier eine gänzlich andere Rolle: Ein Hirt sieht das Tier, das gleich einem Einhorn eine gerade Geweihstange vor der Stirn trägt, inmitten seiner Kuhherde. Weil mit dem Auftauchen des Hirsches immer das Verschwinden einer Kuh einhergeht, versucht der Hirte, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Er entdeckt, dass ein Kälbchen des Weißen Hirschen am Euter der Kuh trinkt. Kalb und Hirsch flüchten, als er sie entdeckt, und ein hagerer, langbärtiger Mann stellt sich ihm entgegen, in der linken Hand ein goldenes Schwert, in der rechten ein silbernes Horn. Als er zum Trinken ansetzt, beginnen die Bäume zu rauschen, die Felsen zu erzittern. Der erschrockenen Hirte geht zu Boden, gelangt aber glücklich zum Dachtelfeld zurück. Der Hirsch erscheint danach nicht mehr und der Hirte hütet sich, danach zu forschen.

Eine besonders gruselige Sage über einen weißen Hirsch überliefert der Lügder Komponist und Schriftsteller Joseph Seiler (1823-77) in seinem Sagenbuch. Demnach stellte sich im Kloster Corvey jedes Jahr zum Fest des Schutzheiligen St. Vitus (15. Juni) ein weißer Hirsch in der Küche ein. Er ließ sich dort schlachten und diente als Speise für die Armen. Als dies einmal einer der besonders prunksüchtigen und gierigen Äbte hörte, befahl er, dass ihm und nicht den Armen das besonders zarte Fleisch des weißen Hirsches serviert würde. Die anderen Mönche warnten ihn, aber er wollte nicht hören. So wurde am nächsten Vitusfest der weiße Hirsch geschlachtet und für den Tisch des Abtes zubereitet. Als nun das fein zubereitete Fleisch des weißen Hirsches auf dem Tisch des Abtes stand und dieser danach greifen wollte, begann es zu zucken und sich zu bewegen. Der Hirsch setzte sich aus allen Teilen wieder zusammen, außer dem für die Armen gekochten Kopf, rannte dreimal um den Tisch des Abtes und sprang dann aus dem offenen Fenster. Danach kam niemals wieder ein weißer Hirsch zum Vitusfest in die Klosterküche und mit dem Kloster ging es von nun an bergab.

Diesen Artikel über das Phänomen der weißen Hirsche hat uns Manfred Willeke kurz vor seinem Tod zugesandt. Der 52-jährige Lügder Heimatforscher starb am 4. November 2016 unerwartet. Seine Familie hat einer Veröffentlichung des Artikels ausdrücklich zugestimmt.