Einhorn quer

Drache, Einhorn und Basilisk

Sagenhafte Tiere / Die Ausgeburten des Schreckens schuf der Mensch allein

Es liegt an den Menschen selbst, wenn sie in Tieren böse Geister sehen. Furcht und Aberglauben verleihen der Phantasie Flügel. Der babylonische Tiamat, ein Urbild des Drachen, glich einer gewaltigen Riesenschlange, und auch im Griechischen bedeutete Drakon nichts anderes als eine Schlange.

Auf einem attischen Vasenbild des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts schießt Apollon einen Pfeil auf einen Drachen ab, der den ungeschlachten Kopf mannshoch emporreckt: Aber Flügel und Klauen hat er nicht. Der feuerspeiende Drache könnte vielleicht vom Glutwind der Wüsten aufgeblasen sein; er fuhr mit Blitz und Donner aus den Wolken, ein verheerendes Scheusal. Das Ungeheuer Typhon hatte hundert Drachenköpfe, reichte bis an die Sterne und hauchte vulkanische Flammen aus. Die Schlange von Lerna, der Herakles die Köpfe abschlug, hauste in einer Höhle bei der Quelle Amymone und war kein Wolkenvvesen, sondern ein Sumpf-Monstrum. Die Meinungen darüber, wieviel Häupter sie hatte, schwanken zwischen fünf und hundert. Für jedes Haupt, das Herakles absichelte, wuchsen sofort zwei nach. Da half nur das Ausbrennen. Der Greif: Füße und Klauen mie ein Lome, Kopf und Flügel mie ein Adler. Schließlich vergiftete der Heros seine Pfedle, indem er sie in das Blut der verendeten Schlange tauchte. Der Mensch steht der übermächtigen Natur gegenüber. Er kann sich vor ihr beugen und die Götter anrufen, in deren Hand er sich weiß. Er kann sich aber auch, wenn das Bösartige ihn bestürmt, zur Wehr setzen und sich gegen das Chaos behaupten. Die Daimones können gute oder böse Geister sein- Der Naturmensch ist noch mit den guten verbündet; er macht keinen Unterschied zwischen sich und ihnen. Er identifiziert sich mit seinem Totemtier und sieht in ihm den älteren Bruder. Erst allmählich wird der Dämon zum Werkzeug Satans und steigt aus dem Reich der Finsternis als Versucher und Hetzer auf. Das gefährliche Tier kann für den Menschen
zum Dämon werden, wenn er Angst vor ihm hat und den Angriff durch Ungeschicklichkeit herausfordert. Der Hund, vor dem ein Feiger vvegrennt' fährt ihm in die Beine. Die Viper schlüpft zur Seite, wenn Schritte den Boden erschüttern und weicht dem Zusammenstoß aus. VVas kann sie dafür, daß sie den Menschen einen Schauder einjagt? Sollte es so sein, dass wir vor einer Schlängelbewegung instinktiv zurückschrecken, weil unsere Vorfahren hunderttausend fahre lang ihre ungeschützten Füße in acht nehmen mußten? Die Epochen der Aufklärung haben genug Brachfelder übriggelassen, die von Vernunft ziemlich unbeackert sind. Wie sollte man sonst erklären, daß ein Traumtier, das es nie gegeben hat, das Einhorn, noch immer durch die Gedichte unserer Jüngsten geistert? Zugegeben, es ist eine aparte Wappenzier, ein Schimmel
mit einem beinernen Speer auf der Stirn, der nichts anderes im Sinne führt, als sich im Schöße einer Jungfrau auszuruhen. Wenn man weiß, daß die Einhörner auf ungenau
gesehene Nashörner zurückgehen und daß deren Horner in Ostasien als Aphrodisiaka mit Gold aufgewogen werden, so bekommen die Fabeltiere eine zwar erlesene, aber auch lukrative Bedeutung. Die Einhörner werden nicht zu den eigentlichen Dämonen gerechnet. Der Erzengel Michael wird in der Apokalypse St. Johannis als Kämpfer
mit dem Drachen, der alten satanischen Schlange, Sieger. Von der Schlange heißt es dann, daß sie aus ihrem Rachen Wasser wie ein Strom spie. Sie war eine Verkörperung des Unwetters und der Überschwemmung. Der Ritter Georg, der sich unter dem römischen Kaiser Diokletian gegen die Christenverfolgung auflehnte
und als Märtyrer starb, ritt auf einem Schimmel in strahlender Rüstung dem Lindwurm entgegen und durchbohrte ihn mit seiner Lanze. In der nordischen Sage heißt der Lindwurm Fafnir. Sigurd hob auf der Fährte dieses Drachens eine Grube aus, bedeckte sie mit Reisig und versteckte sich darin. Als das Ungeheuer feuerspeiend darüberkrodi, durchbohrte Sigurd es mit dem Schwert. Er briet das Herz, und als er daran leckte, konnte er die Sprache der Vögel verstehen. Der Siegfried des
Nibelungenliedes trinkt vom Blut des erschlagenen Drachens und ist dadurch vor Verwundungen gefeit. Es handelt sich hier um Sagentiere, die nur aus der Einbildungskraft entsprungen sind: Es gab für sie keine Vorbilder unter den lebenden Tieren, und die großen Saurier, an die man hätte denken können, waren längst ausgestorben.
Möglich, daß der Drachenglauben von Vorderasien ausging. Das Ungeheuer mußte einen weiten Weg zurücklegen, bis es in den germanischen Legenden Schätze hortete. Einen landverwüstenden Drachen dieser Art tötete im achten Jahrhundert noch Beowulf in England. Aber noch viel später nahm der böse Feind immer wieder die Gestalt von zähnebleckenden Drachen an. Auf einem flandrischen Gemälde des sechzehnten Jahrhunderts wird die heilige Margaretha im Gefängnis von vier aufdringlichen Drachen beschnüffelt; einer davon spreizt einen Fledermausflügel. Bei Tarascon soll noch immer ein Drache unter einem Rhonefelsen hausen, und das Spiel von seiner  Gefangennahme ist für die Einwohner ein Fest. Weniger gefürchtet sind die Drachen der Chinesen. Als Regenspender und Förderer der Fruchtbarkeit stehen sie seit Jahrtausenden in hohem Ansehen und sind Symbole der höchsten menschlichen Kraft, der Gnade und der Liebe. Auch heute noch werden Drachenbilder bei Festlichkeiten in China vorangetragen. Sie waren zwar kaiserliche Embleme, aber die Kommunisten haben sie übernommen. Möglicherweise ist das Urbild der China-Alligator gewesen.
In den chinesischen Märchen begegnet man den Drachen mit Ehrerbietung. Man kann also die chinesischen Drachen eher den guten als den bösen Geistern zugesellen. Dem entspricht ihr freundliches Grinsen und das Oberquellende in den bildlichen Darstellungen. Es wäre ein Irrtum zu meinen, alle Schlangen würden von den Naturvölkern für böse Dämonen gehalten. Schon bei den australischen Ureinwohnern wurden Schlangen nicht selten als Totemtiere verehrt und dann auch nicht erschlagen oder gegessen. Bei den Hindus ist die Königskobra dem Gotte Schiva zugeordnet. Die ägyptischen Pharaonen ließen ihre Goldhelme mit einer vorstoßenden Kobra verzieren.
Der Schlangengott der Griechen war Asklepios, der vom Kentauren Chiron die Heilkunst gelernt hatte und von einer Baumschlange begleitet wurde. Die Schlange, die immer wieder ihre alte Haut abwarf und glatt und schön daraus hervorkam, galt als Symbol des sich stets verjüngenden Lebens. Auch der sagenhafte Basilisk war zuerst eine gekrönte Schlange, eine giftige Aspis. Wenn sie durch die Wüste kroch, fielen die Vögel tot um, die Früchte faulten an den Bäumen, das Gras verbrannte vor ihrem Blick und
das Wasser der Flüsse war für lange vergiftet. Im Mittelalter verwandelte sich das Basilisk in einen vierfüßigen Hahn; sein Schwanz endete in einem Schlangenkopf. Der Basilisk sollte aus einem großen Ei schlüpfen, das ein Hahn gelegt und das eine Kröte ausgebrütet hatte. Der Prophet Jeremias spricht von dem Basilisken mit Schaudern: dieses Tier konnte nicht bezaubert werden. Nach Plinius sollte es die Felsen sprengen können. Die Zoologen gaben einer heute noch lebenden
Echse aus Costarica den Namen Basiliscus basiliscus. Es ist ein harmloses Geschöpf und erinnert nur in seiner Gestalt ein wenig an die alten Drachenvorstellungen. Ein Helm schmückt seinen Nacken, zwei geriefelte Kämme sträuben sich auf seinem Rücken, und die ellenlange Echse kann sich aufrichten und auf zwei Beinen davonlaufen.
Neben den Reptilien sind es besonders die Wölfe und schwarzen Hunde, die den Menschen zuweilen einen Schrecken einjagten und die dann in der Phantasie unheimlich wuchsen und zu Inkarnationen der Bosheit wurden. Herodot schreibt: „Von den Skythen wird berichtet, daß sich jeder einmal im Jahr für wenige Tage in einen Wolf verwandelt und danach wieder zum Menschen wird. Ich kann das freilich nicht glauben, aber man versichert es und beschwört es sogar." Auch in Skandinavien war
der Varulf bekannt. Die Kelten und Slawen erzählten von Werwölfen. Man wurde dazu, indem man ein Wolfshemd überwarf. Noch vor wenigen Jahrhunderten machten die
Wölfe Mitteleuropa unsicher; Wolfsschluchten erinnern daran. Das Märchen vom Rotkäppchen wurde in einer Zeit aufgezeichnet, als man dem Wolf noch jederzeit draußen begegnen konnte. Die mythologische Vorstellung von dem Körpertausch muß sehr alt sein; daß Menschen gefährlicher als reißende Wölfe werden können, erfuhr man immer wieder, wenn der Krieg die Gesetze der Menschlichkeit wegfegte. Zerberus, der grimmige Wachhund des Hades, ist jedenfalls ein Abkömmling des Wolfes. Schwanzwedelnd begrüßte er die Abgeschiedenen, die den Strom zur Unterwelt überquert hatten. Wollten sie aber nicht dort bleiben, so fraß er sie auf, und dann konnte er mit fünfzig Rachen auf einmal schnapoen. Zu den Dämonen muß man auch die Vampire zählen, die nachts aus den Gräbern flattern und den Lebenden das Blut aussaugen. Tatsächlich gibt es in Mittel- und Südamerika "Vampire" große Fledermäuse, die Schlafenden die Haut ritzen und dann das Blut auflecken. Mit ihrem Biss können sie die Tollwut übertragen. Ihre Art, Menschen und Tiere zu überfallen, erscheint uns tückisch wie ein Nachtspuk. Aber Dämonen sind sie nicht, sondern nur extrem spezialisierte Flugsäugetiere.