Blutlinde

Die wahren Krimis schreibt die Geschichte

Aus der Sagenwelt des Schaumburger Landes

Weiße Frauen, Hexen, unschuldig verurteilte Jungfrauen, Werwölfe, kopflose Wiedergänger, Gespensterwesen, Feengestalten, Riesen und gute und böse Zwerge: Sie alle haben und hatten ihr Zuhause auch im Schaumburger Land, zumindest in der Sagen- und Legendenwelt, die sich in den vergangenen Jahrhunderten gebildet hat.

Von Tina Bonfert und Jan Peter Wiborg

Einigen der Sagen- und Fabelwesen soll es nun an den Kragen gehen, sprachlich zumindest. Bundesfamilienministerin Christina Schröder („das Gott“) hat eine Debatte losgetreten, die inzwischen auch durch die tradierten Überlieferungen rauscht. Manche Sagen und Legenden künden, mehr oder weniger verschlüsselt von Vergewaltigung, Kindsmord, Denunziation, von sozialer Not, strengen dörflichen Hierarchien, psychischen Zwängen, meist aber von Herrschaft und gnadenloser Machtausübung. Harmlose Geschichten zur scheinbaren Erklärung geo-graphischer Besonderheiten, wie die Sage von den Riesen, die das Steinhuder Meer schufen, sind auch dabei.

Aber es gibt eben die Mehrzahl, die als grausame Geschichte von Generation zu Generation weitererzählt wird. Kriegerische Lobpreisungen, verbrämte Morde oder auch krasse Fehlurteile widerspiegelnd, wie in dem Prozess gegen ein junges Mädchen, das vor der Schaumburg in einem Prozess vom Grafen bei dessen Ge-richtstagen als Hexe verurteilt worden sein soll. Hat es die-sen Fall tatsächlich gegeben?

Oder steckt dahinter ein Gleichnis, alle Hexenprozesse umfassend – wäre die knorrige, alte Linde vor der Schaumburg sozusagen als Fanal, als zu spät ergrünte Einsicht gegen die Hexenverfolgungen zu sehen?

Im Nachhinein geschönt werden, durch veränderte Begrifflichkeiten aufgehübscht werden kann nichts mehr. Wie auch? Nur in dem Begriff „Hexe“ schwingt historisch exakt der über Jahrhunderte kultivierte Hass und das Denunziantentum mit, die viele Unschuldige auf den Scheiterhaufen geführt haben. Diese Erklärung sollte reichen. Sie bewahrt vor unkritischem Weitererzählen, wie es in der „tümelnden Zeit“ der Heimat- und Heimatschutzbewegung gerne und ausgiebig getan worden ist. Die „Heimatkunde für Schule und Haus“ vom Schaumburger Lehrer und Heimatforscher Wilhelm Wiegmann von 1912 legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Es gilt also, nicht Etiketten auszutauschen, ohne vorher Inhalte aufzuarbeiten. Und das braucht offenbar Zeit. Dass Rothaarigkeit – gerne „Hexen“ attestiert – Erkennungsmerkmal von Degeneration sei, mit diesem rassistisch angehauchten Unsinn mussten sich auch im Landkreis Schaumburg zum Beispiel noch Gymnasiasten zu Beginn der 1980er Jahre in ihren Biologiebüchern herumschlagen. Es gibt aber auch andere Sagen, die verschlüsselte Botschaften enthalten über Frauen, die zunächst vergewaltigt, später ihr Kind abtreiben mussten (die „weißen Frauen“) und dabei selbst zu Tode kamen.

Diese Erzählungen lassen die Hofstellen und Güter nicht los, auf denen sie passiert sein sollen. „Wiedergängerei“ wird hier zur ständigen Mahnung an die Nachfahren, dieses Geschehen nicht zu vergessen. In den längst vergangenen Zeiten ohne elektronische und schriftliche Dokumentation entstanden daraus blutige Sagen und Legenden, zum Teil Angst einflößend, auf jeden Fall moralisierend-mahnend. Einige Beispiele.

Die Blutlinde: Ein böser Knappe soll es gewesen sein, der um 1400 herum ein junges Mädchen der Zauberei anklagte. Graf Otto von Schaumburg habe sich in Gefangenschaft befunden, hieß es, deshalb hielt sein Vogt den Gerichtstag vor der Schaumburg ab. Das Mädchen sei vor den Richter geführt worden und habe auch im Hexenturm unter Folter seine Unschuld beteuert. Ein „Gottesurteil“ sollte nach Ansicht des Richters Schuld oder Unschuld an den Tag bringen. In der Nacht vor dem Urteil fällte ein starker Sturm die alte Linde vor dem Burgtor. Am Morgen riss die Gefangene hastig einen Zweig von der gestürzten Linde, steckte es in die Erde und rief: „So gewiss dies Reis grünen und wachsen wird, so wahr bin ich unschuldig.“ Das junge Mädchen wurde in einem Wagen zur Arensburg gebracht, um dort in den Teichen mit der Wasserprobe das „Gottesurteil“ zu fällen. Schwamm sie oben, war seine Schuld bewiesen, ging es un-ter, so war sie unschuldig. Das junge Mädchen sackte sogleich vor den Augen der Zuschauer in die Tiefe. „Bestürzt zog man sie, so schnell es ging, heraus. Es war zu spät, das Leben war entwichen. Man hatte eine Unschuldige ermordet“, so steht es im „Heimatbuch Dorf Schaumburg“ des Kreislehrervereins, 1962. Der Lindenreis aber grünte und sei ein mächtiger Baum geworden. „Noch heute lauschen wir dem Flüstern seiner Blätter und dem Rauschen seiner Zweige und gedenken dabei mit Schauder der Zeit dieses tiefsten Aberglaubens.“

Das Meumke-Loch: Wer schon einmal zur Paschenburg hinaufgewandert ist, hat sie vielleicht auch entdeckt, die Felsspalte, in der sich eine kleine Höhle, das sogenannte „Meumke-Loch“ verbirgt. Dahinter steckt eine alte Sage. Einer der letzten Grafen von Schaumburg soll zum Ärgernis seiner Frau fast täglich auf Wanderschaft gegangen sein. Weil die Gräfin herausbekommen wollte, wohin ihr Gemahl ständig verschwand, beschloss sie eines Tages, ihm heimlich zu folgen. Nachdem sie ihm in den Wald, bis zu der immer steiler werdenden Felswand gefolgt war, fand sie ihren Ehemann schlafend in dem „Meumke-Loch“ vor. Der Graf soll in der Höhle in den Armen eines Zwergen-Weibchens gelegen haben. Verärgert schnitt die Gräfin der Zwergin einen ihrer langen geflochtenen Zöpfe ab. Diesen überreichte sie zu Hause ihrem Gemahl und gab ihm die Erlaubnis, alles zu tun, was er für richtig halte. Von da an soll der Graf, wie es in der Überlieferung heißt, nie mehr zur „Tienke-Meume“ gegangen sein. Obwohl Stimmen aus der Burg zu hören gewesen sein sollen, die den Zopf zurückverlangten, sei der Graf standhaft geblieben, bis die Zwerge aus der Höhle auszogen.

Schaumburger Riesen: In uralter Zeit, so dokumentierte der Historiker Curd Ochwadt, die Entstehungssage vom Steinhuder Meer, lebten gewaltige Hünen oder Riesen, von denen viele wunderliche Dinge erzählt wurden. So hätten sie vom Meer in großen Karren Steine und Sand geholt und daraus die Berge aufgebaut. Dabei sei einmal einem Riesen Sand in die Schuhe gekommen. Als nun der Sand seinen Fuß belästigte, blieb er stehen und schüttete den Schuh aus. An dieser Stelle stehen heute die Rehburger Berge. Mit dem anderen Fuß war der Riese so tief eingesunken, dass er ihn nur mit Mühe wieder herausziehen konnte. In der Fußspur sammelte sich bald viel Wasser, das daraufhin das Steinhuder Meer genannt worden sei. In einer Variante der Sage besteht das Wasser aus Tränen von Zwergen, die mit Riesen im Streit lagen.

Der Böxenwulf: In Obernkirchen soll ein werwolfartiges Wesen für Angst und Bange gesorgt haben. Die Geschichte von der in ein Wolfsfell gehüllten Gestalt, die im Schutze der Dunkelheit Männern und Frauen aufgelauert haben soll, war in der Region lange Zeit weit verbreitet. Unter einem Böxenwulf verstand man einen Menschen, der angeblich mit dem Teufel im Bunde stand und durch das „Umschnallen eines Riemens“, wie Karl Lyncker 1854 schrieb, die Gestalt von Tieren annehmen konnte. Hinterlistig soll er Leute überfallen haben, indem er sich anschlich, ihnen auf den Rücken sprang oder sie quälte. Heute erinnert eine Skulptur aus Obernkirchener Sandstein (Titelbild) von dem Steinbildhauer Christian Meier an die schaurige Erzählung. Der Böxenwolf oder auch „Huck-auf“ genannt soll am Bückeberg, im Stiftswald, an der Glashütte und am Rösehof sein Unwesen getrieben haben. Dies ist auf einer Bronzetafel an der Skulptur, die am Obernkirchener Rösehof steht, zu lesen. In der mündlichen Überlieferung heißt es, dass man die Böxenwölfe entlarven könne, wenn man einen „Stahl über sie hinwirft“. Eines Nachts, so steht es auf einer weiteren Bronzetafel an der Sandsteinskulptur, soll der Böxenwolf von einem Meisterschmied und seinem Gesellen erwischt worden sein und eine ordentliche Tracht Prügel kassiert haben. Bei dem Bösewicht soll es sich sogar um einen in der Nähe wohnenden Mann gehandelt haben.

Der Schneiderstein: Bei einem zufälligen Wiedersehen zweier Schneider soll sich einer Überlieferung zufolge in Nienstädt ein Mord ereignet haben. An diese schicksalhafte Begegnung erinnert heute ein Denkstein an der Bundesstraße 65 in Nienstädt. Wer aufmerksam den Wegesrand auf Höhe des Schnatwinkels erkundet, stößt dort auf einen schlichten Stein, auf dem ein Kreuz und eine Schere abgebildet sind. Die Geschichte dazu ist auf einer Tafel neben dem Stein festgehalten. Am 4. Juni 1450 soll der Schneidergeselle Kurt Bössow aus Mecklenburg während seiner Reise in der St.-Annen-Klause in Stadthagen übernachtet haben. Als er am nächsten Morgen seinen Weg fortsetzen wollte, traf er zufällig auf einen alten Bekannten aus seiner Heimatstadt Hagenow, Hinrich Wulf. Das Wiedersehen sollen die beiden Schneider in einer Gaststätte bei Stadthagen gefeiert und ihren Weg Richtung Minden anschließend gemeinsam fortgesetzt haben. Als die beiden Gesellen auf der Höhe des Schnatwinkels eine Pause einlegten, packte Wulf eine Schere aus und stieß sie seinem Bekannten in die Brust, heißt es in der Sage. Beim Bezahlen habe Wulf nämlich bemerkt, dass sein Kamerad viel Geld bei sich trug. Bössow gelang es jedoch wohl, die Schere herauszuziehen, wobei er diese versehentlich in das Herz seines Angreifers rammte. Bössow soll damals von dem Wirt der St.-Annen-Klause gesund gepflegt worden sein. Zum Dank habe er dem Wirt seine Ersparnisse vermacht und ihn darum gebeten, einen Gedenkstein für seinen Kameraden erstellen zu lassen. Etwa um die Jahrtausendwende ist der Gedenkstein von 1450 einem mysteriösen Diebstahl zum Opfer gefallen. Karsten Baltes, Steinbildhauer aus Obernkirchen, fertigte 2008 eine Kopie an, um den Gedenkstein zu ersetzen. Schaumburg liefert, so heißt es immer wieder, ein kleines Abbild von Deutschland: Im Norden Wasser, südlich das Gebirge. Schaumburg liefert aber noch mehr: mit dichten Wäldern und moorigen Landstrichen am Steinhuder Meer in einer in sich geschlossenen Landschaft einen idealen Nährboden für Sagen und Legenden, die frühen Krimis. Sind diese heute noch zeitgemäß?