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Die Unnahbaren

In Sagen und Märchen spielen Engel oft nur eine Nebenrolle

Von Cornelia Kurth

In Märchen und Sagen wimmelt es nur so von fantastischen Gestalten, von Hexen und Zauberern, von Zwergen, Riesen, Drachen und Elfen. Eine Gruppe aber, von der es doch so viele Bilder und Geschichten gibt, die hält sich aus dem volkstümlichen märchen- und sagenhaftem Umfeld fast ganz heraus: die Engel. Von einer Ausnahme abgesehen.

Nur als Randfiguren streifen sie manchmal durch unsere Märchen, meistens im Zusammenhang mit Müttern, die ihr Kind verloren haben und am Grab von einem Engel getröstet werden. Der Schutzengel, der im Grimm’schen Märchen die Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot bewacht, als sie an einem gefährlichen Abgrund schlafen, er ist in der ursprünglichen Fassung nicht zu finden, sondern wurde erst später von Wilhelm Grimm eingefügt, in einer seiner vielen Überarbeitungen des Textes.

„Ausführliche Erzählungen von Engeln, speziell von Schutzengeln, die findet man in den Heiligenlegenden“, sagt dazu Hanna Dose, Leiterin des Märchenmuseums in Bad Oeynhausen. „Diese Legenden haben eine eigene, christliche Erzähltradition. Das ist meine Erklärung dafür, warum sie in Volksmärchen praktisch nicht vorkommen.“
Anders sei das in den später entstandenen Kunstmärchen. „Die romantischen Engelsfiguren, wie sie auch auf Gemälden oder Öldrucken ab Ende des 19. Jahrhunderts immer beliebter wurden, haben sich aus der engen Bindung an die Religion gelöst.“

So erzählt etwa Hans Christian Andersen in seinem Märchen „Der Engel“ eine bewegendes Geschehen, bei dem ein junger Todesengel im Mittelpunkt steht. Das ist kein anonymer Engel, wie man ihn ab und zu in den Volksmärchen antrifft, sondern eine Engelpersönlichkeit mit einer eigenen Geschichte. Er begleitet ein gerade gestorbenes Kind in den Himmel und hilft ihm dabei, Blumen einzusammeln, die es mitnehmen darf. Schließlich finden sie einen umgestürzten Blumentopf mit einer vertrockneten Feldblume darin. Diese Blume habe einst einen armen kranken Knaben getröstet, erzählt der Engel. Dann starb dieser Knabe und die Blume wurde vergessen. „Woher weißt Du das?“ fragt das Kind. Der Engel antwortet: „Ich war selbst der kleine, kranke Knabe, der auf Krücken ging; meine Blume kenne ich wohl.“

Die allerersten bildlich dargestellten Engel der Alten Kirche in den frühen Jahrhunderten der christlichen Kirchengeschichte hatten keine Ähnlichkeit mit den Engelvorstellungen späterer Zeiten. Sie waren weder schöne Jünglinge noch marienähnliche Frauen oder gar Kindergestalten, sondern kamen wie ältere Männer daher, bärtig meist und ohne Flügel. Man sah in ihnen Gottes Boten (die Übersetzung des altgriechischen Ausdrucks „Angelos“ lautet auch „Bote“ oder „Abgesandter“). Sie gehörten entweder zu Gottes Himmlischen Heerscharen, Geistgeschöpfe, wie sie die Bibel beschreibt, die Gottes Weisung unterstehen; oder sie stellten einen der namentlich benannten biblischen Erzengel dar, Michael, Gabriel, Raphael und manchmal auch Uriel.

Wie Engel „in Wirklichkeit“ aussehen, das kann niemand wissen. Nach Meinung der mittelalterlichen Theologen, die sich intensiv mit der „Angelologie“, der „Lehre von den Engeln“ beschäftigten, sind sie körperlose Geisteswesen, die allerdings menschliche Gestalt annehmen können. In Geschichten und Bildern orientierte man sich manchmal an der Beschreibung, wie sie der Prophet Daniel in der Bibel äußert: „Da stand ein Mann, der hatte leinene Kleider an und einen goldenen Gürtel um seine Lenden“, so Daniel. „Sein Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sah aus wie ein Blitz, seine Augen wie feurige Fackeln, seine Arme und Füße wie helles, glattes Kupfer, und seine Rede war wie ein großes Brausen“.
An anderen Bibelstellen ist durchaus von geflügelten Wesen die Rede. Dass man die Engelsflügel nicht von Beginn an in Darstellungen einfließen ließ, lag vermutlich daran, dass man in der Alten Kirche die christlichen Vorstellungen unbedingt von der römischen Götterwelt und ihren geflügelten Götterboten abgrenzen wollte.
Engel in niedlicher Kindergestalt, die sogenannten Putten oder auch „Barockengel“, die ab dem 16. Jahrhundert in großer Vielzahl um Altäre, an Orgeln, auf Fresken oder Gesimsen herumschwirren, gehen allerdings recht unbefangen auf antike Vorbilder, etwa dem Gott Eros zurück.

Wenn Engel überhaupt in Märchen und, auf ähnlich rudimentäre Weise, in Sagen auftauchen, dann wird offen gelassen, ob es sich um eine weibliches oder männliches Wesen handelt. Bezieht man sich nur auf die Bibel, müsste man davon ausgehen, dass Engel ein männliches Aussehen wählen, wenn sie Menschengestalt annehmen. Mit ihren überwiegend sanften Gesichtern, den langen Haaren und einer wallenden Bekleidung erscheinen sie aber in erster Linie als androgyne Wesen. Diese grundsätzliche Unpersönlichkeit, die von ihnen ausgeht, mag mit ein Grund dafür sein, dass sie sich nicht als Helden für Märchen und Sagen in Frage kamen.

Engel und teufel quer

Ganz anders sieht es mit dem „gefallenen Engel“, dem Teufel aus. Nach seiner Auflehnung gegen Gott wurde er vom Himmel auf die Erde geworfen und verführt die Menschen mit List und Tücke zum Bösen. Einst Teil der anonymen himmlischen Heerscharen ist er nun ein Individuum, Gottes und vor allem des Menschen Gegenspieler, eine Gestalt, die sich bestens dazu eignet, in Märchen und Sagen ihr Unwesen zu treiben. „Über Engel kann man kaum spannende Geschichten erzählen“, sagt Hanna Dose. „Wohl aber über den Teufel.“ Mit ihm ist also doch eine Art Engel in die Märchenwelt eingezogen.