Obensburg

Der „kopflose Reiter“

Ist der Herzog von Cumberland gemeint? / Männer ohne Häupter – zwei Sagen berichten davon

Sind Sie schon einmal in der Nähe der Obensburg dem „Mann ohne Kopf“ begegnet? Sicher nicht. Es gibt allerdings gleich zwei alte Sagen, die von kopflosen Männern berichten, die dort umherspuken sollen. Wo spielen die jahrhundertelang von Mund zu Mund weitergegebenen Geschichten, an die sich heute kaum jemand mehr erinnert und die selbst dem ehemaligen und langjährigen Leiter des Coppenbrügger Museums, Gernot Hüsam, noch nicht untergekommen sind. Und was hat es damit auf sich?

Von Ulrich Behmann

In dem bei CW Niemeyer erschienenen Buch „Sagen und Erzählungen“ heißt es: „Früher soll man oft spät am Abend den ,Mann ohne Kopf‘ in der Gegend des Stieges (schmaler Pfad, Anm. d. Red.) gesehen haben, der von Bisperode aus über die Obensburg nach Afferde und von da aus weiter nach Hameln führte. Der gespenstische Mann tauchte an irgendeiner Stelle am Stiege auf und erschreckte die Leute, die da entlangkamen, durch seinen Anblick, doch Böses hat er nie jemandem zugefügt. Oft soll er in Begleitung einer Katze gewesen sein, die ihn dann verließ, sich dem Wanderer zugesellte und schnurrend vor ihm herlief. Im Stolle oder am Melkerweg, je nachdem, in welcher Richtung der Wanderer ging, verschwand dann der Spuk so schnell, wie er gekommen war. Eine andere Sage dieser Art geht auf die Schlacht bei Hastenbeck zurück, die am 26. Juli des Jahres 1757 stattfand. Demnach reitet ein „kopfloser Reiter“ nachts zwischen elf und zwölf Uhr über die Obensburg und sucht seinen Feldherrn. Gemeint ist wohl der Herzog von Cumberland, der vorzeitig das Schlachtfeld verließ und den Befehl zum Rückzug gab, gerade zu der Zeit, als die Obersten von Breitenbach und von Dachenhausen mit ihren hannoverschen Regimentern hier einen glänzenden Sieg errungen hatten.“

Schlage vom Kirchturm in Hastenbeck die Uhr Mitternacht, versinke der „kopflose Reiter“ in einem der vielen Massengräber auf der Höhe der Obensburg, heißt es.

Die Obensburg gibt es wirklich – sie ist mit 286 Metern die höchste Erhebung im Schecken. Dort oben steht ein Jagdpavillon, der zum Gut Diedersen gehört. „Außerdem findet man dort auf der anderen Seite des Platzes die kulturgeschichtlich bedeutsamen Reste einer ehemaligen Wallburg“, weiß der an Heimatgeschichte interessierte Jörg Meyer, der die Internet-Plattform „Hamelner-Geschichte.de“ betreibt. „Bei der Obensburg handelt es sich um eine Fluchtburg der Grafen von Hallermund, die in Hastenbeck ansässig waren und im 13. Jahrhundert von den welfischen Herzögen in Bedrängnis gebracht wurden. Mit ihrem ganzen Besitz, der Dorfbevölkerung, dem Vieh und der Ernte zogen sie bei Gefahr dort hin. Gräben und Wälle der nicht ständig bewohnten Anlage sind noch zu erkennen“, berichtet Meyer.

Die in der Sage erwähnte Stolle gibt es auch. Die Hohe Stolle ist ein Bergrücken und mit 272 Metern die zweithöchste Erhebung in dem beschriebenen Gebiet.

In einer anderen Sage wird dem Herzog von Cumberland die Rolle des „kopflosen Reiters“ zugeschrieben. Vermutlich ist mit „kopflos“ jedoch gemeint, dass der Adelige damals komplett den Überblick verloren hat, denn: „Am 26. Juli 1757 glaubte der Oberbefehlshaber, der aus Hannoveranern, Braunschweigern, Hessen und Bückeburgern bestehenden 48000 Mann starken alliierten Streitkräfte, der Herzog William August von Cumberland, Sohn des englischen Königs Georg II., die Schlacht fälschlicherweise für verloren“, erklärt Meyer. Er habe das Schlachtfeld und auch die damals starke Festung Hameln preisgegeben und sie den Franzosen ausgeliefert. „Dabei waren die Franzosen trotz ihrer Übermacht tatsächlich unter ihrem Oberbefehlshaber, dem Marschall d’Estree, geschlagen worden; sie stoppten jedoch den Rückzug, als sie den Irrtum des Gegners erkannten.“ Für die Hamelner Bevölkerung brach unter französischer Besatzung eine Leidenszeit an. „Und Hastenbeck wurde bis auf die Kirche, das Pfarrhaus und das Gutshaus total zerstört“, sagt Meyer.

Auf dem Waldpfad an der Obensburg sollen ein „Mann ohne Kopf“ und ein kopfloser Reiter umherspuken – so will es die Sage. Reste der ehemaligen Wallburg sind noch heute zu erkennen.