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Blutiger Dank

Die Macht der Rituale – ein blutiger Streifzug durchs hiesige Ernte-Brauchtum

Von Wilhelm Gerntrup

Der August ist seit alters her als Erntemonat bekannt. Im Mittelalter sprach man vom „Aranmanoth“ (Ährenmonat), im vergangenen Jahrhundert kam „Ernting“ in Mode. Auch in diesen (August-) Tagen geht es auf den heimischen Feldern wieder rund. Anders als früher kriegt davon jedoch kaum noch jemand etwas mit. Das Mähen, Dreschen und Mahlen geht heutzutage vollautomatisch, schnell und weitgehend unbemerkt über die Bühne. Sensen, Sicheln und Harken findet man nur noch im Heimatmuseum.

Dreschmaschinen und mit Wind- oder Wasserkraft angetriebene Kornmühlen haben bereits vor langer Zeit ausgedient, Brot gibt’s in Scheiben geschnitten und handlich verpackt im Supermarkt. Selbst das Gros der Dorfbewohner hat noch nie erfahren dürfen, wie sich Roggen-, Weizen-, Hafer- und Gersten-Sangen (Ähren) anfühlen. Anders gesagt: Von „Ernte“ ist heute fast nur noch im Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Ertragsmeldungen oder bei der Ankündigung von Ernte- und Erntedankfesten die Rede.

Das war vor gar nicht allzu langer Zeit noch ganz anders. Die Ernte war ein absolutes Highlight. Den ersten vorchristlichen Siedlern soll sie sogar heilig gewesen sein. Während des Mähens und Einbringens durfte weder gekämpft oder geheiratet werden. Für das Gelingen der Ernte war Wuotan (Wodan, Wotan) zuständig. Der weiter nördlich auch Odin genannte Gott sei für die hierzulande lebenden Germanen der mächtigste Himmelsbewohner gewesen, heißt es in der 1835 von Jakob Grimm veröffentlichten „Deutschen Mythologie“. Er habe meist hoch oben über den Wolken gelebt und von dort das irdische Treiben betrachtet – eine Vorstellung, die später auch auf den Christen-Gott übertragen wurde und bis heute in der Fantasie vieler Gläubiger fortlebt.

 Der große Wodan hat übrigens nicht allein ins Geschehen eingegriffen, er hatte Helfer. So verehrten unsere Vorfahren auch die Kornmutter und Roggenmuhme, die im Feld schützend umging. In diese Kategorie gehörten auch die sogenannten Bilwisse, die „wundersam Wissenden“. Manche glauben zu wissen, dass sie weiße Gewänder getragen haben und verfilzte Zotteln (Dreadlocks, Bilwis-Zotteln) wie die Erdgöttin Frau Holle. Erst wurden sie zu bösen Korndämonen gemacht.

Anders als sein biblischer Nachfolger soll Wotan nach Darstellung Grimms hin und wieder schlecht gelaunt gewesen sein. Er habe, genauso wie die meisten seiner himmlischen Mitstreiter, „nicht nur gütig und weise“, sondern zuweilen auch „wild, ungestüm und heftig gewaltet“. Das machte es für die Erdenbewohner nicht einfach. Auf ein erträgliches oder gar glückliches Dasein durfte man nur hoffen, wenn es gelang, die Götter gnädig zu stimmen. Dabei waren die Ansprüche ans Leben im Vergleich zu heute denkbar bescheiden. Man wollte überleben. Voraussetzung dafür waren vor allem zwei Dinge: eine ausreichende Ernte und Erfolg mit dem Schwert im Kampf Mann gegen Mann. Beide Ereignisse lösten ein damals seltenes Glücksempfinden aus. Die Sorgen und Ängste waren verflogen. Der Überlebenswille hatte gesiegt. Die gewaltigen Anstrengungen hatten sich gelohnt.

Nach den Erkenntnissen der Volkskundler stammen inhaltliche Gleichsetzung und Verknüpfung von Ernte- und Kriegserfolg aus der Frühzeit der heimischen Siedlungsgeschichte. Das Denken und Trachten der hierzulande ansässigen Menschen habe sich ausschließlich ums tägliche Überleben und um die Verhältnisse und Vorgänge in ihrer unmittelbaren Umgebung gedreht. Den Takt gab der stete Kreislauf des Gedeihens und Vergehens vor. Als entscheidendes Ereignis galt der Wechsel zwischen Sommer und Winter, den sich unsere heidnischen Vorfahren als immer neues und zähes Ringen zwischen dem guten Riesen Sumer und dessen bösem Widersacher Vetr vorstellten. „Sommer und Winter stehen im Kampf gegeneinander, geradeso wie Tag und Nacht“, heißt es bei Jakob Grimm. Die heute viel besungenen Übergangsperioden wie Frühling und Herbst hätten damals noch keine Rolle gespielt.

Wie der Wechsel zwischen Sommer und Winter klappte und ob die Ernte gut oder schlecht ausfiel, hing, wie bereits erwähnt, vor allem von Wotan ab. Kein Wunder, dass der Ehemann der Göttin Frija im sommerlichen Brauchtum unserer germanischen Vorfahren eine prägende Rolle spielte. Zu Beginn der warmen Jahreszeit stand die Freude über das Ende von Düsternis und Kälte im Vordergrund. Nicht selten wurde das Ende der dunklen Tage auch mit der Überwindung des Todes gleichgesetzt. „Stab aus, stab aus, stecht dem Tod die Augen aus!“ wurde bei Festumzügen gesungen.

Noch heftiger und intensiver wurde, wenn alles gutgegangen war, das Ende der „Aranmanoth“-Tage gefeiert. Vieles von dem, was sich dabei abspielte, ist in Vergessenheit geraten. Schriftliche Aufzeichnungen darüber gibt es erst seit Anfang des 16. Jahrhunderts. Bis dato wurden die althergebrachten Riten und Bräuche nur mündlich weitergegeben. Trotzdem ist es den Volkskundlern und Sprachforschern gelungen, ein ungefähres Bild vom frühzeitlichen Erntedank-Geschehen hierzulande nachzuzeichnen. Soviel vorweg: Vieles davon mutet aus heutiger Sicht befremdlich an.

Ein Grund sind die intensiven und zum Teil grausamen Bitt-, Bet- und Opferrituale. Besonders heftig und auch blutig ging es nach Darstellung Jakob Grimms beim Erntedank zu. Ort des Geschehens waren Thingstätten und heilige Haine. Den Takt gaben heidnische „Priester“ vor. Der Ablauf der Rituale war von Gau zu Gau und von Siedlungsgenossenschaft zu Siedlungsgenossenschaft verschieden. Am häufigsten kamen Widder, Rinder, Ferkel und „Hausgeflügel“ auf den Opferstein.

Sehr beliebt bei größeren Zusammenkünften sollen auch Pferde gewesen sein. Der Kopf oder ein anderes ausgesuchtes Stück des Tieres war Wotan vorbehalten. Der übrige (größte) Teil des Fleisches wurde klein geschnitten und gemeinsam verzehrt. Nicht selten soll auch das Blut auf den Gesichtern und Leibern der Anwesenden verteilt worden sein. Mancherorts mussten nur männliche oder nur einfarbige, also weiße oder schwarze Tiere, dran glauben. Ob und in welchem Umfang es – wie vom römischen Historiker Tacitus berichtet – auch Menschenopfer gab, ist unklar. Berichte über derartige Vorgänge in der hiesigen Weserbergland-Region liegen nicht vor.

 

Früchte und andere pflanzliche Opfergaben und/oder auch Blumenschmuck spielten bei den frühen Erntedankfesten (noch) keine Rolle. „Was der Mensch den Göttern aus dem Pflanzenreich darbringen kann, ist heiterer, unschuldiger, aber auch minder bedeutsam“ heißt es in der Grimm-Mythologie. Das sieht bei den heutigen Erntedank-Zeremonien ganz anders aus. Der Umstieg vom Blut- zum Blüten-Ritual begann mit der Christianisierung vor zirka 1000 Jahren. Nach der gewaltsamen Bekehrung ließen die Vertreter der neuen Papstkirche nichts unversucht, den heidnischen Aberglauben mit Stumpf und Stiel auszurotten. Was danach folgte, liegt noch weitgehend im Dunkeln. Sicher scheint, dass sich die Lust an Dank-Ritualen jeglicher Art während der anschließenden, mehr als 500 Jahre andauernden „Eigenbehörigkeit“ (Leibeigenschaft) des Bauernstandes in Grenzen hielt.

Erste Berichte über neuzeitliche Erntefeiern tauchen erst wieder nach der sogenannten „Bauernbefreiung“ Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts auf. An dem damals wiederbelebten und/oder neu eingeführten Brauchtum hat sich seither wenig geändert. Im Mittelpunkt stehen Erntekranz, Umzug und Festtagstanz.