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Ben Becker als Lügenbaron

Doku-Drama rund um Münchhausen

Von Heide-Marie Göbbe und Klaus Klemens

„Münchhausen – die Geschichte einer Lüge“ heißt das Doku-Drama, das von der Gebrüder Beetz Filmproduktion im Auftrag des NDR in Zusammenarbeit mit Arte aufgezeichnet wurde. In diesem Feature, das einen dokumentarischen Teil von 52 Minuten enthält, begibt sich das Filmteam auf die Suche nach der wahren Geschichte des „Lügenbarons“ Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Da das Gutshaus in Bodenwerder nicht den Ansprüchen für historische Aufnahmen entspricht, wählte man die Marienburg in Pattensen und die Hämelschenburg als Schauplätze des Geschehens. Mittendrin: der bekannte Schauspieler Ben Becker. Für die Doku schlüpft er in die Rolle des Lügenbarons

Welche wahre Geschichte steckt hinter Bodenwerders „Lügenbaron“ Münchhausen? Auf eine kriminalistische Spurensuche begibt sich das Doku-Drama „Münchhausen – die Geschichte einer Lüge“. Es ist die amüsante und hoch dramatische Geschichte über den wahren Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Gedreht wurde im Frühjahr 2012 unter anderem auf den Schlössern Hämelschenburg und Marienburg.

Die „Wunderbaren Reisen des Freiherrn von Münchhausen“ erschienen 1786 zum ersten Mal in deutscher Sprache. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts war es das zweitberühmteste Buch nach der Bibel, erzählt Regisseur Kai Christiansen. Er zeigt in seinem 52-minütigen Film, wie sehr Münchhausen unter dem Vorwurf litt, ein Lügner zu sein, und wie er selbst zum Opfer einer gewaltigen Lüge wurde. Dass Hieronymus Carl von Münchhausen von 1720 bis 1797 auf dem Gut seiner Familie in Bodenwerder lebte, ist in der heutigen „Münchhausen-Stadt“ natürlich Allgemeinwissen. Der Landadelige und seine lettische Frau Jakobine von Dunten versuchten wiederholt, sich mit gerichtlichen Mitteln gegen die Unterstellung, er sei ein Lügner, zu wehren. Mit wenig Erfolg. Als Münchhausen starb, so heißt es in Christiansens Film, hätten sie die Glocken in der Kirche von Bodenwerder deutlich kürzer geläutet als sonst bei Landadeligen üblich.

Ben Becker

Münchhausen (Ben Becker) fabuliert auf seinem Stammsitz in Bodenwerder von seinen Heldentaten – die Vorlage für die Lügengeschichten. Fotos: Falco Seliger, Freya Glomb

Münchhausen zog im Alter von 17 Jahren nach Sankt Petersburg und wurde Page am Hof des russischen Zaren. Mit 30 kehrte er als Rittmeister nach Bodenwerder zurück. Er brachte aus Lettland seine Frau Jakobine mit und war mit ihr 50 Jahre lang verheiratet. Nach ihrem Tod ehelichte er noch sein 20-jähriges Patenkind. Aber seine zweite Frau betrog ihn und brachte den Adligen an den Rand des finanziellen Ruins.

Ben Becker spielt den trinkfreudigen Salonlöwen mit sichtlichem Spaß. Münchhausens großer Gegenspieler ist der Gelehrte Rudolf Erich Raspe (Alexander Beyer), der viele Jahre am Hof des Kurfürsten von Kassel als geschätzter Wissenschaftler gearbeitet hatte. Aber er war in ständiger Geldnot, unterschlug erhebliche Vermögenswerte und flüchtete schließlich nach England. Er kannte viele Interna aus dem Haus des Freiherrn von Münchhausen. Als er wieder einmal Pleite war, veröffentlichte er in London anonym in englischer Sprache die „Wunderbaren Reisen des Freiherrn von Münchhausen“, die dort schnell zum Bestseller wurde. Angelehnt an die Anekdoten, die Münchhausen selbst erzählt hatte, erfand er die tollsten Geschichten und macht auf diese Weise den Landadeligen aus Bodenwerder zum "Lügenbaron", Das Unglück nimmt seinen Lauf. Münchhausen sucht den Urheber der „Schmähschrift“ und muss mit ansehen, wie sein Name zwar in der ganzen Welt bekannt, sein Ruf aber ruiniert und am Ende seine Existenz zerstört wird.

Christiansen illustriert mit vielen eingestreuten Spielszenen und einem reichhaltigen dokumentarischen Teil die Entstehungsgeschichte des ebenso beliebten wie umstrittenen Buches. In weiteren Ausgaben baute Raspe damals die Geschichten aus und fügte neue hinzu. Auch der deutsche Übersetzer, der Dichter Gottfried August Bürger, ergänzte das Werk mit Abenteuern aus eigener Feder. Bürgers Übersetzung gilt heute als die bekannteste Fassung des 300 Jahre alten Bestsellers. Es wurde inzwischen in 60 Sprachen übersetzt. Der TV-Film ist auch ein Doku-Drama über die Zeitenwende, in der der Adel seine Macht verliert und Bücher eine Blütezeit erleben.

Matthias von Münchhausen nimmt die Geschichten heute gelassen. Auf Konferenzen und Geschäftsessen, so berichtet er, hellten sich alle Mienen auf, sobald er seinen Namen nenne.

Was genau die Menschen noch heute an den oft gelesenen und immer wieder verfilmten Abenteuern des niedersächsischen Lügenbarons interessiert, auch diese Frage stellte sich der Dokumentarfilmer. Besonders im russischen Raum werde Münchhausen als Held verehrt, der sich mit Mut, Fantasie und unerschütterlichem Optimismus aus jeder prekären Situation herauswinden konnte. Vielleicht liegt es an dieser Botschaft, dass sich die Menschen in Zeiten der Krise wieder gern an die Geschichten des „Lügenbarons“ erinnern. Christiansens Dokudrama liefert dazu einen unterhaltsamen Beitrag, der den Kenntnisstand über den echten Baron erheblich erweitert und zu neuem Nachdenken über die Tücken von Wahrheit und Lüge anregen kann.

Seine Weltpremiere hatte der Film am 19. Januar 2013 auf ARTE.