Süntelbuche rnk

Aus dem Herzen eines Riesen

Um die Süntelbuche ranken sich Sagen und Erzählungen

Von Barbara Jahn-Deterding

Sie ist eine weltweite Rarität, ein Wunder der Natur, die rotblättrige Süntelbuche. Ein Exemplar dieser Buche, inzwischen etwa 40 Jahre alt, gedeiht prächtig auf einer Wiese am Parkplatz Kreuzsteinquelle oberhalb der Pappmühle bei Zersen. Die knorrigen Bäume mit den verdrehten Ästen haben botanische Namen wie Tortuosa, Suentelensis oder Suntalensis. Im Volksmund entstanden Namen wie Hexenbuche, Schirmbuche, Krüppelbuche, Struwwelpeterbuche oder Schlangenbuche für die ungewöhnlichen Bäume. Ob rotblättrig oder nicht, man erzählt über sie viele Sagen und Geschichten.

Besonders schön ist die Sage über die Entstehung dieser besonderen Buchenart: Die erste Süntelbuche soll aus dem Herzen eines toten Riesen gewachsen sein, als dieser im Tode in der Erde versank. Inzwischen wachsen allein auf dem Weg durch den Wendgeberg 20 Exemplare.Sie wurden, ebenso wie 30 weitere Süntelbuchen auf dem Dachtelfeld, vor 30 Jahren unter der Leitung des früheren Chefs des staatlichen Forstamtes, Jürgen Bosse, gepflanzt.

Auch Uwe Sprick, Revierförster in Langenfeld, zieht es aufs Dachtelfeld, wenn es um die Bäume mit dem typischen Drehwuchs geht. Gegenüber der Schutz- und Wanderhütte im Grenzbereich zwischen Hessisch Oldendorf und Bad Münder ist nämlich noch eine rund 150 Jahre alte Süntelbuche zu bestaunen. Von drei anderen der Raritäten sind nur noch Fragmente zu sehen. Aus holzwirtschaftlicher Sicht sind Süntelbuchen mit ihrem krüppeligen Wuchs wertlos. Und dies bedeutete 1843 beinahe das Ende des „Deuwelholts“, ließ es sich doch wegen seines Zickzack-Wuchses nicht einmal in Meterstücken als Brennholz stapeln. In Hülsede wurde damals der letzte geschlossene Bestand an Süntelbuchen abgeholzt und abgebrannt.

Süntelbuche 1

Als sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Süntelbuchen zwar kein Wirtschaftsholz, aber botanische Raritäten sind, beginnen die Bemühungen um die Arterhaltung. Bei der Nachzucht aus Bucheckern liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Jungpflanze eine Süntelbuche ist, unter fünfzig Prozent. Die Vermehrung selbst ist weniger mühsam: Die "Mutter" ist eine Rotbuche mit ungefähr achtzig Zentimeter Unterbau, der "Vater" ist der aufgestäbte Zweig einer Süntelbuche. Das Erbgut des Vaters entscheidet über die Wuchsrichtung der Buche.

Im Bereich der Langenfelder Revierförsterei pflanzt man keine Süntelbuchen mehr in die Rotbuchenbestände. „Da Buchen Fremdbestäuber sind, besteht die Gefahr, dass Süntelbuchen im Bestand mit Wirtschaftsholz aufgehen. Wir haben 2008 daher auf dem Dachtelfeld begonnen, eine Fläche von einem Hektar mit Süntelbuchen aufzuforsten“, erklärt Uwe Sprick. Von den bisher gesetzten 250 zwei- bis dreijährigen Jungpflanzen, die aus Pfropfreisern verschiedener Süntelbuchen angezogen wurden, sind etliche nicht angegangen. „Rehe und Waldmäuse fressen die Rinde ab, die Bäume gehen ein“, bedauert der Förster. „Wir werden aber nachpflanzen und weiter aufforsten, unser Ziel ist, dort einen geschlossenen Süntelbuchenbestand zu erreichen“.

Während es dem Revierförster nicht um die Solitärpflanze geht, hat sich Udo Mierau aus Eimbeckhausen durch private Neuanpflanzungen um die Erhaltung der Süntelbuche verdient gemacht. Der Heimatforscher spendete bereits mehrere Exemplare der knorrigen Bäume. Einer davon wächst am Huthaus der Schillat-Höhle in Langenfeld.

Hier und dort findet man einzelne der Krüppelbuchen oder Schirmbuchen. Es sind aber fast immer Einzelexemplare, nur selten stehen mehrere der seltenen Bäume nebeneinander. Wer in einer Baumschule eine Süntelbuche für den eigenen Garten erwerben möchte, sollte bedenken, dass diese Rarität nicht nur ausreichend Platz benötigt, sondern dass auch viel Geduld nötig ist, da der Baum sehr langsam wächst.

Vielleicht könnte es aber auch in der einen oder anderen Familie, wie bei den von Münchhausens, zur Tradition werden, jeder Tochter zur Hochzeit eine Süntelbuche zu pflanzen.