Kasachstan quer

Agna kehrt heim

Der Rattenfänger in der Steppe Kasachstans

DAAD-Studenten aus aller Welt haben die Sage vom Rattenfänger weitererzählt. Befreit von Vorbehalten und Deutungshoheiten haben sie aus der Sage fantastische Märchen entstehen lassen. Und haben dabei keinen Gedanken daran verschwendet, was historisch möglich war und was nicht, sondern ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Eingeladen wurden sie dazu von der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe und dem DAAD. Für die Rattenfängersage hatte Hoppe, die in Hameln geboren ist, einen Einstieg beigesteuert. Gemeinsam ist vielen Geschichten, dass der Rattenfänger und/oder die Kinder in den Ländern der jeweiligen Autoren stranden, dort Abenteuer erleben und Aufgaben gestellt bekommen. Nur manchmal findet ein Kind den Weg nach Hameln zurück. Aus den beiden dicken Ordnern, bei Felicitas Hoppe in Berlin landeten, musste sie die besten 20 von 196 Geschichten auswählen. Das sei so gut wie unmöglich gewesen, sagt Hoppe, und zwar vor allem, weil die Verfasser furchtlos zu Werke gegangen seien. In der FAZ wurde 18 Geschichten veröffentlicht. Von diesen 18 wiederum haben wir drei ausgewählt. Hier das Märchen aus Kasachstan.

 

Von Madyar Tarybai, Kasachstan

Eines Tages, einige Jahre nachdem die Kinder dem Rattenfänger verzaubert gefolgt waren, kam ein Mädchen in die Stadt Hameln. Zunächst erfuhr niemand von der leisen Ankunft dieses Mädchen.

Sie war hoch von Wuchs und sehr merkwürdig gekleidet: sie trug ein in Form einer Tunika geschnittenes Hemd, Pluderhosen, schöne Schulteroberkleidung, eine archaisch anmutende Kopfbedeckung und weiche Schuhe  aus Filz. Und sie ritt auf einem Pferd ganz besonderer Art. In dieser Aufmachung erregte sie doch bald Aufsehen, und die Leute begannen, sich um sie zu scharen. Plötzlich lief aus der Menschenmenge ein alter Mann heraus, der in dem Mädchen seine Tochter erkannt hatte. Der Mann umarmte sie fest und fing an zu weinen. Nach so vielen Jahren hatte er schon nicht mehr darauf gehofft, seine Tochter noch einmal zu sehen. Während ihr Vater sie noch umarmt hielt, begann Agna, denn so hieß das Mädchen, ihre Geschichte zu erzählen ...                              

Der Rattenfänger, so begann Agna, war eigentlich ein gutherziger Mann, und die von ihm entführten Kinder merkten schnell, dass er sie nicht töten würde. Stattdessen brachte er sie weit ostwärts in eine grenzenlose Steppe, wo Nomaden lebten. Kein Hamelner, das wusste der Rattenfänger, würde die Kinder in dieser Steppe finden. Auch könnten die Kleinen nicht selbstständig nach Hause zurückkehren, denn die Weiten der Steppe kannten nur die Nomaden gut. Und der Rattenfänger wusste, dass die Nomaden seine Kinder herzlich aufnehmen würden, weil er auch ihnen einmal geholfen hatte. Ausführlich und begeistert berichtete Agna von diesen Nomaden. Die Nomaden, so hatte sie gelernt, lebten in Jurten, das sind tragbare Häuser aus Holz und Filz. Da die Nomaden nämlich, wie der Name sagt, viel nomadisierten, also von einem Ort zum anderen zogen, mussten ihre Häuser es aushalten, sehr oft auseinandergenommen, weggetragen und anderswo wieder aufgebaut zu werden. Um zu überleben, züchteten die Nomaden Hammel, Pferde und Kühe. Jeden Tag aßen sie Fleisch und tranken Milch. Außerdem gab es noch ein eigenartiges säuerliches Getränk aus vergorener Milch bei ihnen, das sie mit Leidenschaft zu jeder Tageszeit trinken konnten, den sogenannten „Kumys".

Schnee, Wind und Eiseskälte machten den Nomaden in ihren baumlosen Steppen nichts aus, denn sie waren groß, tapfer und sehr zäh. Jeder Junge wurde von ihnen zum Krieger erzogen, und alle beherrschten das Schwert und den Bogen gut. Doch nicht nur die Jungen, sondern auch die Mädchen waren stark und außerdem unbeschreiblich schön mit ihrem langen geflochtenen Haar.Zur Unterhaltung bauten sich viele Nomaden ein Zupfinstrument mit zwei Saiten, die „Dombra", auf der sie zu Volksfesten und wenn die Gäste zu Besuch kamen, spielten. Dieses Instrument hatte einen sehr angenehmen Klang. Die Nomaden veranstalteten sogar untereinander Wettbewerbe im Dombra-Spielen und im Singen, um zu bestimmen, wer von ihnen am ausdrucksvollsten sei.

Außerdem roch es in der Steppe nach einem eigenartigen und besonderen Duft. Es duftete nach den Gräsern, die in der Steppe wuchsen. Diese Gräser nannten die Nomaden „Jusan"...An dieser Stelle unterbrach der Vater die Erzählung seiner Tochter. Er war nicht wenig erstaunt darüber, wie es nun aus Agna heraussprudelte, denn sie war einst taubstumm gewesen! Der Alte fragte also, wie sie geheilt worden sei – und wo sein Sohn und ihr jünger Bruder Georg abgeblieben sei. Agna antwortete ihrem Vater: An jenem Tag, als die Kinder dem Rattenfänger folgten, ging auch sie ihnen nach, weil unter den Kindern ihr jüngerer Bruder war. Dabei konnte sie wirklich gar nichts hören. Sie wusste nicht, wie es den Nomaden schließlich gelungen war, sie zu heilen.

Aber nach einigen Monaten kehrte ihr Gehör zurück. Alle anderen Kinder außer Agna erinnerten sich weder an ihre Eltern noch an ihre Stadt. Wahrscheinlich, so dachte das Mädchen, hatte der Rattenfänger sie mit der Musik, die Agna nicht hören konnte, verhext. All diese Kinder wurden größer und zu echten Nomaden erzogen. Sie beherrschten die Militärkunst und wurden geschickte Reiter. Einige spielen auch auf der „Dombra". Sie erlernten die Sprache und die Traditionen der Nomaden. Wie aber war es Agna unter diesen Umständen gelungen, den Nomaden zu entlaufen? Wie hatte sie den Weg nach Hause gefunden? Diese Fragen ließen den Stadtbewohnern von Hameln keine Ruhe.

 Agna erzählte also weiter. Jedes Mal, wenn der erste Schnee im Winter fiel, nahmen die Nomaden die Jagd auf. Diese Zeit nannten sie „Kansonar". Zu dieser Zeit ist es nämlich leicht, ein Tier zu fangen, indem man einfach seinen Spuren folgt. Die Nomaden stellten also Fallen auf. Hauptsächlich waren es Kaninchen, Wölfe und Füchse, die in die Fallen gingen. Und an einem solchen Tag, als alle auf die Jagd gegangen waren, folgte ihnen auch Agna auf ihrem Pferd. Aber sie blieb weit hinter den anderen Reitern zurück, bummelte und dachte nach.

Ratte Padberg

Plötzlich bemerkte sie links von sich eine Wölfin, die in eine Falle geraten war. Sie sprang von ihrem Pferd herunter und begann, sich langsam der Wölfin zu nähern. Die Wölfin fletschte die Zähne, denn sie wollte das Mädchen nicht herankommen lassen. Agna aber wollte dem Tier helfen und warf darum zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit ihren Bogen und ihren Speer zu Boden. Die Wölfin beruhigte sich sofort, als ob sie eine gemeinsame Sprache gefunden hätten. Agna befreite die Hinterpfote der Wölfin und ließ sie frei. Die Wölfin verschwand schnell in den Schneewehen.

Während sie noch neben der leeren Falle stand, verstand Agna auf einmal, dass auch sie wie eine Wölfin in der Falle war und dass auch sie frei sein wollte, dorthin zu gehen, wo sie hingehörte. Sie bekam starkes Heimweh und fühlte plötzlich den unbedingten Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Sie schaute in die Richtung ihres Bruders und der anderen Kinder, die sich in der Steppe wohlfühlten und sich das Steppenleben und -brauchtum so angeeignet hatten, dass sie ihr Zuhause, ihre Eltern und ihre Heimatstadt wirklich völlig vergessen hatten. Diese Kinder, das erkannte Agna, waren nicht mehr zurückzuholen; sie waren zu Steppenkindern geworden. Trotzdem entschied sich Agna fortzulaufen, obwohl sie eigentlich ihren jüngeren Bruder nicht zurücklassen wollte. Doch er war für Hameln verloren wie seine Gefährten. In der darauffolgenden Nacht packte Agna darum allein alles Notwendige für den Weg, nahm das schnellste Pferd von der Koppel und ritt davon.

Agna ritt zwei Tage lang, immer ungefähr gen Westen, doch sie wusste nicht, welche Richtung genau sie einschlagen sollte, und fürchtete, dass ihr Pferd erschöpft sein könnte, bevor sie an den Rand der Steppe kämen. Da, plötzlich, tauchte geradewegs vor ihr eine Wölfin auf. Der Schreck fuhr Agna in die Glieder. Dann aber sah sie, dass es dieselbe Wölfin war, der Agna damals geholfen hatte. Agna erkannte sie, als sie sah, dass die Wölfin hinkte. Da blickte Agna dem Tier eindringlich in die Augen und bat es so um Hilfe, denn sie hoffte, dass ihr die Wölfin den kürzesten Weg aus der Steppe zeigen könnte. Die Wölfin nickte mit dem Kopf, als ob sie das Mädchen verstanden hätte, und jagte los. Agnas Pferd galoppierte hinter ihr her. Viele Tage und Nächte verbrachten sie unterwegs, bis sie eines Abends endlich dichte Wälder vor sich sahen. Hinter den Bäumen erspähte Agna einige feste Ziegelhäuser. Das bedeutete, dass dort Menschen lebten.

Stadtbewohner wie die Hamelner und keine Nomaden. Die Wölfin verharrte am Rand des Waldes. Es war zu gefährlich für sie weiter zu gehen. Agna verstand das auch, sie dankte der Wölfin für die Hilfe und nahm von ihr Abschied. Alleine ritt sie weiter. Als sie in die Stadt kam, klopfte sie an die Tür eines Hauses. Eine betagte Frau öffnete ihr. Sie gab ihr Essen und erlaubte Agna, in ihrem Haus zu übernachten. Am nächsten Tag, als Agna erwachte, schien die Sonne, die Sicht war klar, und so beschlossen die Leute dieser Stadt, gemeinsam loszuziehen und Agna zu helfen, in ihre Heimatstadt zurückzufinden.   

Und so kam es, dass Agna in ihr Zuhause in Hameln zurückkehrte. Dort war das Leben seit der Entführung von Agna, Georg und den anderen Kindern weitergegangen. Neue Kinder waren zur Welt gekommen. Auf den Straßen wurde gelärmt, gespielt und gefeilscht wie früher, Und die neuen Kinder wuselten hin und her. Doch Agna betrachtete all dies mit Missmut, nachdem sie erfahren hatte, warum sie und die anderen Kinder damals entführt worden waren; dass nämlich die Stadtbewohner jenen Rattenfänger nicht bezahlt hatten. Sie konnte den Hamelnern den Verlust ihrer Freunde und ihres Bruders nicht verzeihen. Sogar das wilde Tier, die Wölfin, hatte doch mit Gutem auf das Gute geantwortet, als Agna sie befreite und die Wölfin ihr dafür den Weg zeigte. Nur die Stadtmenschen schienen dazu nicht bereit.                       

Agna wollte wieder fortgehen, zurück in die Steppe, und brachte es doch nicht übers Herz, den alten Vater zurückzulassen. So blieb sie in der Stadt. Doch solange sie lebt, wird Agna nicht müde werden, die Menschen an den Verlust von einst zu erinnern ...       

 

Illustration: © Christian Padberg

Die Geschichten der DAAD-Studenten wurden in dem Buch "Ein Märchen geht um die Welt - Neues vom Rattenfänger" veröffentlich, das leider vergriffen ist.