Gruselruine

„Ach, wenn mir’s nur gruselte“

Das Grimm-Märchen „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“

Von Richard Peter

Aus welchen Gründen auch immer: Es war eines meiner Lieblingsmärchen. Was von der Familie zwar akzeptiert, staunend zur Kenntnis genommen, aber eigentlich nicht verstanden wurde. Von mir vermutlich auch nicht. Immerhin, es wurde mir öfter vorgelesen als alle anderen Märchen von Grimm, Andersen, Hauff und Bechstein. Vielleicht war aber auch nur die Länge ausschlaggebend, die das Einschlafen erheblich hinauszögerte.

Rund 30 Jahre später wäre es mir vermutlich überhaupt nicht mehr vorgelesen worden, wenn ich da noch Kind gewesen wäre. Schließlich sollten die zarten Kinderseelchen der 70er-Jahre im Blumenkinder-Look nicht erschreckt werden. Gekifft wurde dennoch. Also kein „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“– im Gegenteil: Fürchten oder Gruseln war tabu. Die ganze Kindheit ein einziges harmloses Gehüpfe im Paradiesgarten. Dass da draußen Bestien lauerten, würde man schon früh genug merken. Aber da waren die 68er-Eltern bereits fein raus – hatten die Frage des Nachwuchses, ob sie heute wieder tun müssten, was sie wollten, geflissentlich überhört – und warteten nun auf die Enkelkinder mit ihren immer noch zarten Seelen.

Worum es in dem an vierter Stelle stehenden Märchen der Märchen-Gebrüder geht: dass ohne „Grusel“ einfach etwas fehlt im Leben. Das ist heute nicht anders als anno dunnemals. Nur dass wir den Grusel heute mit Dschungelcamp, Actionfilmen, Krimis – und natürlich mit Gruselfilmen – erfahren. Das Leben ist seltsam komplex. Nichts Gutes ohne das Böse, kein Lachen ohne Tränen, keine Freude ohne Traurigkeit. Keine Tapferkeit ohne Angst. Und was wäre schon Liebe, wenn man nicht auch hassen könnte. Man würde es nicht einmal merken. Das ist die Krux: kein Held, der nicht auch die Angst kennen sollte. Das war die Idee dahinter: Erst die Angst, vor allem die überwundene, macht uns fit. Ohne sie würden wir kritiklos und blauäugig in jede Katastrophe tapsen, wie andere in Fettnäpfchen.
„Ach, wenn mir’s nur gruselte“ ist also das Leitmotiv der sieben Gruselseiten, die wieder nicht mit „Es war einmal...“ beginnen, sondern mit „Ein Vater hatte zwei Söhne“. Der Ältere war klug, der Jüngere dumm, wie es heißt. Und um den geht es hier, denn alle waren überzeugt: „Mit dem wird der Vater noch seine Last haben.“ Er passte einfach nicht ins Schema – und schon hier von den Märchen-Brüdern ein Sprichwort eingebaut: „Was ein Häkchen werden will, muss sich beizeiten krümmen.“ Genau das wollte der Junge nicht: keine Anpassung, keine Selbstaufgabe – und Rückgrat statt Häkchen. Und nachgehakt: „Das Gruseln sollst du schon lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.“

Dann kam zufällig der Küster zu Besuch, der Vater klagte ihm sein Leid, und der Kirchenmann nahm den Jungen mit, um ihn, wie er sagt „abzuhobeln“. Um Mitternacht sollte der Junge die Glocken im Turm läuten, wobei der Küster als stummes Gespenst erscheint. Dreimal fordert unser Gruselloser das stumme Gespenst auf, zu verschwinden – und als nichts passiert, wirft er es schlicht die Treppe runter, läutet die Glocken und legt sich schlafen. Die Küsterin fand ihren Mann mit gebrochenem Bein in einer Ecke liegen.
Der Herr Papa, als er davon hört, hat endgültig die Nase voll von seinem so anders gearteten Sprössling, drückt ihm 50 Taler in die Hand und schmeißt ihn raus. Schon erstaunlich der Nachsatz: „... und sage keinem Menschen, wo du her bist und wer dein Vater ist, denn ich muss mich deiner schämen.“

Auf der Landstraße unterwegs, spricht der nun Heimatlose immer vor sich hin „wenn mir’s nur gruselte“. Die Nacht verbringt er auf dem Galgenberg mit sieben Gehenkten, die er nach und nach – weil „der Wind so kalt bläst“ – zu sich ans Feuer setzte. Als deren Lumpen aber Feuer fingen, hat er sie alle wieder aufgeknüpft und sich dann seelenruhig schlafen gelegt.
Später im Wirtshaus hörte der Wirt von dem Grusel-Problem seines jungen Gastes und vermittelte ihn an den König und dessen verwunschenes Schloss. Dort soll er drei Nächte bleiben. Dafür erbat er sich nur ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dazugehörigem Messer.

Mitternacht war Katzenzeit, die ihn anfunkelten, dann kamen noch schwarze Hunde dazu – die er alle, mit dem Schnitzmesser bewaffnet, bezwang und kurzerhand in den Teich warf. Am beeindruckendsten fand ich immer die nächste Szene mit dem Bett, in das er sich gelegt hatte und das plötzlich zu fahren anfing „als wären sechs Pferde vorgespannt“. Als die Fahrt zu Ende war, legte er sich wieder schlafen.
In der nächsten Nacht kegelte er mit ein paar Männern, die zuvor jeweils in zwei Teilen aus dem Schornstein gefallen waren und sich wieder zusammensetzten. Mit zwei Totenköpfen, die er auf der Drehbank rund schleift – „damit sie besser schüppeln“, wie es heißt – und neun Knochen als Kegel wird nun gespielt und „heißa, nun geht’s lustig“. Nach Mitternacht war der Spuk vorbei.
Fehlt noch die dritte Nacht, in der er sein totes Vetterchen, das im Sarg hereingebracht worden war, wärmt. Beim anschließenden Kampf, das Vetterchen wollte ihn zum Dank für seine Wiedererweckung erwürgen – landet der wieder im Sarg. Einen Wettkampf mit einem Weißbärtigen gewinnt er ebenfalls und damit drei Kasten voll Gold. Ein Teil den Armen, einer dem König und der dritte für ihn selbst. Und die Königstochter bekommt er sozusagen als Bonus obendrauf. Und die lehrt ihn, kaum sind sie verheiratet, endlich das Gruseln, weil sie nächtens einen Eimer voll Gründlinge in eiskaltem Wasser über ihn „herschütten“ ließ, dass die kleinen Fische um ihn herum- zappelten. Jetzt hat die liebe Seele endlich Ruhe. Man könnte ja auch spekulieren, dass erst die Hochzeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht habe.

Eines ist klar: Unsere Märchen waren nicht in erster Linie zur Unterhaltung der Kinder gedacht. Sie erzählen und vermitteln intuitiv Wissen über die Menschen, das sie an die nächste Generation weitergeben. Märchen sind allemal Träger von Botschaften und nie Selbstzweck. Auch wenn sie, wie nebenbei, natürlich auch spannende Unterhaltung sind, wenn sie von den immerwährenden Gesetzen des Lebens berichten. Uralte Weisheiten tradieren. Wer keine Angst kennt, ist unvollkommen. Eugen Drewermann, Theologe – wenn auch als solcher von seiner Kirche ausgemustert – und Psychoanalytiker, ist überzeugt: „Märchen erzählen von der menschlichen Seele.“