Siegfried

Supermann Siegfried

Unsere deutschen Heldensagen haben viele Nachfolger

Von Richard Peter

Uns ist in alten maeren wunders vil geseit“ – damit beginnt das „Nibelungenlied“, das als der „Nibelungen Not“ endet. Sozusagen in Etzels Schlachthaus irgendwo in Pannonien. „Der Rest ist Schweigen“ – ähnlich wie in Shakespeares „Hamlet“. Erzählt wird in dem vielleicht größten mythologischen Stoff der Literaturgeschichte eine Vielzahl überlieferter Geschichten, die immer wieder neu erzählt, verändert, miteinander verwoben, schließlich um 1200 am bischöflichen Hof in Passau als „Nibelungenlied“ festgeschrieben wurden.

Erzählstoffe des sogenannten heroischen Zeitalters aus einer mythisch-historischen Mischung. Heldenlieder, aus denen sich Heldensagen entwickelten. Wilhelm Grimm nannte sie liebevoll „dichtende Volksseele“ – und das Lied „den lebenden Mund der Sage“. Es war die Zeit der Romantik, in der Ritter Konjunktur hatten. Rund 50 Jahre davor noch hatte der „Alte Fritz“ – auch er ein „der Große“ – einer Neuauflage der Lieder beschieden, dass sie „nicht einen Schuss Pulver werth“ seien.
Heute zählt das Nibelungenlied neben Homers „Ilias“ und „Odyssee“, Vergils „Aeneis“, dem indischen „Gilgamesch-Epos“ und der „Mahabharata“ sowie „El Cid“ aus Spanien zu den großen Heldenepen.

Allemal sind Mythos und Geschichte hier eng verbunden – auch wenn die Zusammenhänge oft nicht logisch erscheinen. So sind sich Attila und Theoderich der Große, in der Sage als Dietrich von Bern bekannt – was mit der Schweizer Bundeshauptstadt nichts zu tun hat – nie begegnet. Übrigens: Bern war schlicht Verona. Die Ursprünge der Nibelungensage reichen zurück in die Zeit der Völkerwanderung und erzählen die tragische Geschichte von der Zerschlagung des Reiches der Burgunder am Rhein.
Das Nibelungenlied beginnt mit Kriemhilds „Falkentraum“. Die überaus schöne Schwester der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher träumt, wie ihr Falke – der symbolisch für den Geliebten steht – von zwei Adlern getötet wird. Prompt folgt der Auftritt Siegfrieds in Worms, wo er um Kriemhild – die wegen des Traumes der Liebe entsagt – werben will. Hagen von Tronje, einer der Recken am Hofe, erzählt über den jungen Helden, der mit seinem Schwert Balmung den Nibelungen-Hort erwarb, darunter auch Alberichs Tarnkappe, vom Drachenkampf und dass er in dessen Blut badete und damit unverwundbar wurde bis auf eine Stelle, auf die ein Eichenblatt zwischen die Schulterblätter gefallen war.
Bevor Siegfried und Kriemhild ein Paar werden, muss der Held aus Xanten König Gunther helfen, die ebenso schöne wie starke Königin Brünhilde von Island zu erobern. Es kommt zu einem Dreikampf, den Gunther nur gewinnt, weil ihm Siegfried, durch seine Tarnkappe unsichtbar, beisteht. Doppelhochzeit in Worms. Doch in der Hochzeitsnacht wird Gunther von Brünhilde gefesselt und an einen Nagel gehängt. Auch hier hilft Siegfried, überwindet die Braut – nimmt aber von ihr Ring und Gürtel, die er später Kriemhild schenkt.

Bei einem Fest kommt es zum berühmten Streit der Königinnen um den Vortritt beim Besuch des Münsters. Kriemhild nennt die Rivalin „Kebse“ und verrät das Geheimnis der Hochzeitsnacht. Brünhild sinnt auf Rache und gewinnt Gunther und Hagen, Siegfried zu töten. Auf der Jagd stößt Hagen seinen Speer in die einzig verwundbare Stelle des Helden, der an einem Bach trinkt. Zusätzlich gelangt Hagen an den Schlüssel zum Nibelungenschatz, den er im Rhein versenkt. Kriemhild heiratet Etzel, der gerade Witwer geworden war – lädt die Burgunder nach Ungarn an den Hof. Es kommt zum Showdown. Kriemhild schlägt zuletzt Hagen „den Kopf ab“. Die tobende Königin wird ebenfalls durch einen Schwertstreich getötet. „hie hat das maere ein ende: das ist der Nibelunge not.“
Neben dieser überlieferten Version in über 2000 Reimen gibt es unzählige andere – auch mit anderen Schauplätzen. So wird Siegfried, der alles überstrahlende Held, bei seiner Geburt ausgesetzt – treibt wie Moses in einem Körbchen im Fluss und wird von einer Hirschkuh versorgt – wie schon die Gründer Roms, Romulus und Remus, von einer Wölfin gesäugt, am Leben erhalten wurden. Dann findet ihn Mimir der Schmied im Wald, der dort seine Kohle herstellt und ihn aufnimmt.
Doch Siegfried mit seiner ungestümen Kraft wird Mimir unheimlich und so bittet er seinen Bruder, den Drachen Fafner, das Risiko-Kind umzubringen. Es kommt ganz anders. Siegfried erschlägt den Drachen mit einem Baumstamm und als er ihn sich, salopp gesagt, grillt, verbrennt er sich am Fleisch seinen Finger, den er zur Kühlung in den Mund steckt und plötzlich die Sprache der Tiere versteht. So erfährt er, als er zwei Vögeln zuhört, von den Mordplänen Mimirs, den er erschlägt. So gelangt unser Held zu Brünhildes Burg Seegard in Schwaben, wo sie Pferde züchtet.

In der „Dietrichsage“ – gemeint ist Dietrich von Bern, also Theoderich der Große – kommt es zu einem Zweikampf bei einem Fest, das der König, der hier Thidrek heißt, nur durch eine List gewinnt. Als ältester Sagenkomplex und ältestes germanisches Heldenlied wird neben dem „Beowulf“ aus der Zeit der Völkerwanderung das „Hildebrandlied“ aus dem 9. Jahrhundert genannt. Nach einem Streit kämpft Hildebrand mit seinem Sohn auf Leben und Tod. Der Ausgang ist nicht überliefert. Aber Hildebrand gilt als Waffenmeister von Theoderich dem Großen und findet, von seinem Onkel vertrieben, Unterschlupf beim Hunnenkönig Etzel, mit dem er gegen die Burgunder aus dem Nibelungenlied kämpft.

In dem Heldenlied über Dietrich von Bern – das in fast allen überlieferten Erzählungen vorkommt – lässt der von seinen Mannen den „Rosengarten“ des Zwergenkönigs Laurien zerstören. Ein Bergmassiv von acht Kilometer Länge in den Dolomiten – wobei sich „Rosengarten“ eher von „ruza“ – also Geröllhalde – ableitet.
„Wieland der Schmied“ raubt einer Schwanenjungfrau ihr magisches Federkleid und nimmt sie dann zur Frau. In der Rachegeschichte gelangt Wieland zum dänischen König Nidung, der ihm die Kniesehnen durchtrennt, um ihn so an einer Flucht zu hindern. Doch Wieland gelingt es, die Tochter des Königs zu verführen und dessen beide Söhne zu töten. Aus ihren Schädeln fertigt er kunstvolle Trinkschalen, die er dem König schenkt. Mit selbst gebauten Flügeln – wie bei Dädalus und Ikarus in der minoischen Sage – gelingt ihm die Flucht. Im „Beowulf“, einem Heldengedicht in Stabreimen aus Südschweden, reißt der Held im Kampf dem Ungeheuer Grendel den Arm aus, der an den Folgen stirbt.

Eine der spannendsten Geschichten – ebenfalls mit dem Nibelungenlied verwoben – ist die Sage „Waltharius“, dem „Waltharis-Lied“, einer lateinischen Heldendichtung des 10. Jahrhunderts, die als germanische Walther-Sage bekannt wurde. Die Geschichte spielt vor allem im Wasgenwald in den Vogesen, also dem Elsass.
Walther und Hildegunde leben als Geiseln zusammen mit Hagen von Tronje am Hofe Attilas. Hagen gelingt die Flucht zu den Burgunderkönigen. Um ihn stärker an sich zu binden, bietet Attila Walther die Ehe mit einer Fürstentochter an. Doch Walther liebt seit seiner Kindheit Hildegunde und begründet seine Weigerung zur Hochzeit damit, dass er als Familienvater nicht vorbehaltlos seinem Herrn dienen könne, weshalb er immer ehelos bleiben wolle. Walther bereitet die Flucht vor, nimmt einen Teil des königlichen Schatzes mit. Am Burgunderhof wird er von Hagen, mit dem er befreundet ist, erkannt. Doch Gunther will den Schatz – ein Teil, den Gibicho einst den Hunnen geben musste – für sich zurückgewinnen. Das Angebot von 100 Armreifen für freien Durchzug schlägt der Burgunderkönig aus. Es kommt zum Kampf – Walther tötet einen Angreifer nach dem anderen. Auch den jungen Patafried, einen Neffen Hagens. In dem Kampf verliert Gunther ein Bein, Hagen das rechte Auge, dazu die rechtsseitige Lippe samt acht Backenzähnen. Walther verliert die rechte Hand. Wie immer – schon im Troja-Stoff – geht es um Habgier, Streben nach Macht, Ruhm, Hochmut, Übermut, Ehre und natürlich um Liebe und Freundschaft.

436, wie es in einer gallischen Chronik heißt, fand ein „denkwürdiger Krieg mit den Burgundern“ statt, die hier ihr Ende fanden. 451 wurde Attila in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Troyes vernichtend geschlagen. In einigen Quellen wird hier auch Attilas Tod vermeldet – andere sprechen davon, dass er nur wenige Jahre später bei seiner Hochzeit mit Hildiko – die auch für Kriemhild steht – starb.
Immer wieder heißt es, dass Dietrich von Bern in seiner Jugend am Hof Etzels gelebt hätte – doch Theoderich wurde erst 456 geboren, da war Etzel bereits tot. Dasselbe gilt auch für den Versuch, Siegfried, der auch als Sigurd bekannt ist, mit Arminius in Verbindung zu bringen. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens.
Auch wenn sie zur Zeit nicht die Bestsellerlisten füllen – das Bedürfnis nach Helden ist ungebrochen. Ob als Superman, Conan oder Spiderman. Und die Walküre Brünhild kann allemal mit einer Lara Croft mithalten.