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Männer mit glühenden Stangen

Sagen über Abpflüger, Grenzsteinfrevler und betrügerische Landvermesser

Von Uwe Pernack

Eine der folgenreichsten Umbrüche in der Geschichte der Menschheit war die sogenannte Neolithische Revolution. In der Jungsteinzeit wurden Jäger und Sammler aufgrund dramatisch veränderter Umweltbedingungen zu Viehzüchtern und Ackerbauern. Dabei setzte allmählich eine individuelle Inbesitznahme von Grund und Boden ein. Was bis in die Gegenwart hinein zu einer Unzahl von Konflikten über die Festlegung und Markierung von Grenzverläufen geführt hat. Und in alter Zeit zu einer Vielzahl von Sagenbildungen.

In den eurasischen Kulturen ist die Unantastbarkeit von Grenzen von alters her ein hohes Rechtsgut. Sein Schutz stellt einen wesentlichen Aspekt der Rechtssicherheit in den jeweiligen Gesellschaften dar. Zudem wurden Grenzen einst als heilig angesehen und waren damit ein Gegenstand kultischer Verehrung.
„Verflucht ist, wer die Grenze seines Nächsten verrückt!“, droht die Bibel im 5. Buch Mose. Die Römer verehrten in Terminus einen Schutzgott eigens für Grenzen und deren Markierungen. Und zu den mit kultischer Feierlichkeit begangenen altgermanischen Rechtsbräuchen gehörte auch das Kennzeichnen von Grenzen. Von einem als Grenzzeichen gepflanzten Baum durften bei Todesstrafe weder Laub noch Zweige abgehauen werden. So ist es nicht verwunderlich, dass hierzulande der Volksglaube auch nach der Christianisierung Grenzverletzungen nicht allein als Rechtsbruch, sondern zudem als Sakrileg ansah. Wessen Missetaten zu Lebzeiten nicht gesühnt wurden, hatte danach Gottes Zorn zu fürchten. In den davon beeinflussten Frevel- und Rechtsschutzsagen wird zur Warnung der Lebenden eindringlich geschildert, wie Mark- beziehungsweise Grenzsteinverrücker, Abpflüger sowie betrügerische Landvermesser im Grab keine Ruhe finden. Als Untote, zumeist in „gloiniger“ (niederdeutsch: feuriger) Gestalt, mussten sie bis zum Jüngsten Tag am Ort ihres Verbrechens umgehen. Es sei denn, jemand erlöste sie vorher.

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Gleichwohl muss in früheren Zeiten die Versuchung groß gewesen sein, sich am Landbesitz seines Nächsten zu vergreifen. Wenn man die nicht geringe Zahl an Sagen zu diesem Thema als Indiz dafür nimmt. Eine Erklärung dafür dürfte mehr noch als in der Habgier des einzelnen Täters in den ihn prägenden Wirtschaftsverhältnissen seiner Zeit zu finden sein. Bis ins 19. Jahrhundert hinein erzielte ein Bauer den größten Teil seiner Einkünfte aus dem Ackerbau. Da aber alles bebaubare Land verteilt war, Ertragssteigerungen mit den seinerzeit vorhandenen Produktionsmitteln die ständig steigenden Lasten kaum auffangen konnten, scheint der eine oder andere Bauer darauf verfallen zu sein, seine Erträge durch illegale Vergrößerung seiner Anbauflächen zu steigern.
Die häufigste Methode dazu war das Abackern beziehungsweise Abpflügen. Dabei wurden Jahr für Jahr heimlich dem Acker oder der Weide des Nachbarn ein paar Furchen ab- und dem eigenen Acker zugepflügt. Dafür ereilte dann allerdings – laut Sage – einen Bauern aus Herkendorf die Rache des Herrn. Nacht für Nacht muss er nach seinem Tod mit einem glühenden Gespann das seinem Nachbarn abgepflügte Land wieder zupflügen. Dabei schafft er in einer Nacht nur eine Krume von der Größe einer Linse. Hiernach müsste es möglich sein, ihn noch heute bei seinem nächtlichen Treiben in der Aerzener Feldflur zu beobachten.
Ähnliche Sagen sind auch aus dem Raum Hildesheim und dem südlichen Niedersachsen zwischen Einbeck und Göttingen überliefert. Thematisch den Sagen über Abpflüger verwandt, sind die Sagen über Mark- beziehungsweise. Grenzsteinverrücker. Sie sind nach ihrem Tod dazu verdammt, nachts als glühende Männer gewaltige Grenzsteine über die Felder zu schleppen. Dabei rufen sie in einem fort kläglich aus: „Wo soll ich ihn denn hinlegen?“ Wer einem solchen Verdammten antwortet: „Nun leg ihn in Gottes Namen wieder hin, wo du ihn gefunden hast.“, der kann ihn dadurch erlösen. Zu den überlieferten Objekten, die mit Sagen über Abpflüger oder Grenzsteinverrücker in Verbindung gebracht werden, gehören in unserer Region die „Sieben Trappen“ in Benthe bei Ronnenberg. Bis zum Jahr 1857 waren in der dortigen Feldmark sieben – Trappen genannte − Vertiefungen sichtbar, hinter denen jeweils ein Kreuzstein stand. Nach der Umsetzung der Steine an ihren heutigen Standort ist der Name „Sieben Trappen“ gebräuchlich geworden.

Diesen Steinen sind im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe von Geschichten und Sagen angeheftet worden. Eine davon erzählt von einem Bauern, der seinem Nachbarn Land abgeackert hatte. Dieser Tat beschuldigt und angeklagt, leistete er, um seine Unschuld zu beweisen, einen Meineid. In seinem Hochmut verstieg er sich noch dazu, Gott anzurufen. Dieser möge ihn in der Erde versinken lassen, wenn er die Unwahrheit gesagt hätte. Bei jedem seiner Schritte wurde danach ein Loch in der Erde sichtbar. Nach dem siebten Schritt versank er in der Erde für immer.
Feldmesser (später auch Landvermesser oder Geodäten genannt) genossen in früheren Zeiten unter der Bevölkerung nicht den besten Ruf. Zum einen, weil ihr Handeln meist mit einem herrschaftlichen oder staatlichen Handeln verbunden war, das in alte angestammte oder behauptete Rechte der Untertanen eingriff. So ergab eine im Jahr 1665 angeordnete Vermessung der Grenze zwischen der Stadt Hameln und dem Amt Lachem, dass Hameln zu seinem Stadtwald bei einem 1609 geschlossenen Vergleich fälschlicherweise 300 statt der zugesprochenen 80 Morgen Wald in Besitz genommen hatte. Was wiederum wichtige bisherige Hude- und Mastrechte der Hamelner in ihrem Stadtwald zugunsten der Lachemer schmälerte. Zum anderen, weil man ihnen unterstellte, parteiisch oder betrügerisch Wald und Flur zu vermessen. Schließlich, weil einige von ihnen „bey Ausmessung unwegsamer Oerter, um sich eine Mühe zu erspahren / und die vielen Berge nicht alle ersteigen zu dürffen, zwar einige Aecker weit ausmessen […], und doch dabey vorgeben, daß sie alles ausgemessen hätten“, so Georg Paul Hönn in einem 1724 erschienenen „Betrugs-Lexikon“.
Zu alledem kam noch, dass die Arbeit der Feldmesser zunehmend in den Dienst einer exakten steuerlichen Erfassung von Untertanen gestellt wurde. Bereits mit der zwischen 1764 und 1784 erfolgten „Kurhannoverschen Landesaufnahme“ wurden alle in Kurhannover befindlichen Gebäude sowie die in ihnen vorhandenen Feuerstellen aufgenommen. Dies geschah zum Zweck einer umfassenden Steuererhebung, die sich nicht mehr auf die bisherigen Deklarations- und Schätzungsverfahren stützen sollte. Nach der Französischen Revolution und auch während der ihr nachfolgenden Napoleonischen Kriege begann man in Deutschland sukzessive mit einer lückenlosen Vermessung aller Grundstücke. Dies war die Grundlage für Grundstückskataster, die zudem auch Angaben zur Güte landwirtschaftlich genutzter Flächen und den aus ihnen erzielbaren Erträgen enthielten.

Und dergleichen ist bei Bauern nie ‚gut angekommen‘. Laut Sage sind betrügerische Feldmesser dazu verdammt nach ihrem Tod auf den Feldern, die sie in betrügerischer Absicht falsch vermessen haben, bis zum Jüngsten Tag ruhelos umzugehen. Man trifft sie dort in schwülen Sommernächten zur Geisterstunde, aber auch kurz vor Tagesanbruch. Dabei haben sie glühende Stäbe oder Messketten in den Händen. Als eine „spiegelnde Strafe“ für den Fluchtstab oder die Messkette, die ihr Tatwerkzeug bei der betrügerischen Markierung von Mess- und Grenzpunkten war. Eine Vielzahl an Feldmesser-Sagen ist insbesondere aus dem Raum zwischen Einbeck und Northeim überliefert. So bewahrten sich zwei angetrunkene Bauern aus Hohnstedt nächtens in der Feldflur eine gewisse Coolness. Als sie dort einen Mann mit einer langen glühenden Stange trafen, bat der eine von ihnen den Untoten um Feuer für seine ausgegangene Pfeife. Als die Pfeife jedoch nicht gleich brennen wollte, fing der Bauer an zu fluchen und wurde deshalb vom Geist mit einer gewaltigen Ohrfeige in die rechte Gottesfurcht gesetzt. Woran man sehen kann, dass ein Landvermesser auch als Untoter gegenüber dem Bürger immer noch wie eine Amtsperson agiert.

 

Foto: Frank Neitz