Rattenfängerfigur quer

Zogen Hamelns Kinder nach Nordosten?

Die Spur führt nach Brandenburg

Von Michael Zimmermann

Wo sind sie hin, die Kinder Hamelns, die angeblich im Jahr 1284 vom Rattenfänger aus der Stadt gelockt wurden? Unzählige Theorien gibt es rund um den historischen Kern der Sage. Auch an der Maas wollen Forscher Spuren aus dem Weserbergland entdeckt haben, schließlich klängen dort besonders viele Orte für heimische Ohren vertraut.

„Da ist absolut nichts dran“, sagt jedoch Professor Jürgen Udolph, Leiter des Forschungsprojekts „Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe“ an der Uni Göttingen. Gerade im germanischen Raum gebe es viele zufällige Ähnlichkeiten. Die Ortsnamen seien eben aus dem Wortschatz der Menschen heraus entstanden, da können Siedlungen schnell mal Birkenfeld oder Dalhausen heißen. „Man muss da sehr sorgfältig vorgehen.“

Udolph forscht seit 45 Jahren nach der Herkunft von Orts- und Familiennamen. „Namen haben eine Geschichte in sich“, sagt er. „Schließlich ist die Sprache ein unverwechselbares Kennzeichen eines Menschen.“ Und aus der Sprache kämen dann auch die Ortsnamen. Gerade über die Wanderungsbewegungen nach Nordosten kann er einiges erzählen: Der Name „Westphal“ sei zum Beispiel in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern weit verbreitet und bezeichnete jemanden, der aus Westfalen stammte.
Über die Namensforschung will Udolph auch der Rattenfängersage auf den Grund gehen, deren historischer Kern heute in einer Massenauswanderung junger Menschen vermutet wird. Als gesichert gilt, dass in der Zeit vom 12. bis zum 14. Jahrhundert rund 1,5 Millionen Menschen aus dem Weserbergland und Westfalen ihr Glück im Nordosten suchten. Nach der Schlacht bei Bornhöved im Jahr 1227 musste sich Dänemark aus dem norddeutschen Ostseegebiet zurückziehen, der Weg für eine Besiedelung von Süden her war frei. 1284, das Jahr der „verschwundenen“ Kinder, fiel also genau in diese Hochphase. Sogenannte Lokatoren haben für diese Gebiete neue Siedler angeworben – einer davon könnte unser Rattenfänger gewesen sein. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass es direkte Verbindungslinien zwischen dem Weser- und Leinegebiet und dem Osten gibt, seien zum Beispiel die Familiennamen Quernhamel, Quernhammel oder Quernhammer. Da Hameln früher zahlreiche Mühlen besaß, wurde es auch häufig Quernhameln genannt, nach dem alten germanischen Wort für „Mühle“. Bis nach Riga wiesen Spuren des Namens, sagt Udolph.

Die Weserbergländer wurden oft nicht nur nach ihrer Herkunft benannt, sie nahmen häufig auch ihre Ortsnamen mit: Die Orte Hammelspring, Beveringen, Hindenburg, Spiegelberg, Westfalen und Rutenberg, die in der Prignitz, in der Uckermark und in Pommern liegen, müssen nach Udolphs Auffassung im Zuge der deutschen Ostkolonisation dorthin gekommen sein. „Der Anteil des Wesergebietes ist bedeutend. Es gibt gute Gründe, die Ortsnamen des Ostens mit dem Ziel der Hamelner Auswanderer in Verbindung zu bringen.“ Die erste Kolonisationswelle aus dem Wesergebiet führte demnach über die Altmark hinweg. Nördlich von Berlin hätten sich die Kolonisten zunächst niedergelassen. „Benachbarte Orte wie Hindenburg und Hammelspring sowie Beveringen und Dahlhausen deuten auf gewisse Konzentrationen der Siedler aus dem Wesergebiet hin.“ Wenn es einen Rattenfänger gegeben haben sollte, dann hätte er die Hamelner nur nach Brandenburg, in die Prignitz, die Uckermark oder nach Pommern geführt, ist sich Udolph sicher. Was ist mit der Theorie, Hamelns Kinder seien nach Siebenbürgen oder Mähren ausgewandert? „Siebenbürgen taucht nur bei den Brüdern Grimm auf“, sagt Udolph. Die Siebenbürger Sachsen seien aber mehrheitlich aus dem südlichen Rheinland gekommen, wie ein Vergleich der Flurnamen beweise. Nach Niedersachsen führten keine Herkunftsspuren. Zwischen Mähren und dem Weserbergland habe es zwar enge Verbindungen gegeben, schließlich war Bruno von Schaumburg der Bischof von Olmütz. Er starb jedoch 1281, danach brachen die Verbindungen schnell ab. Dadurch seien große Wanderungen nicht mehr möglich gewesen. „Die deutschen Ostgebiete bis zum Baltikum standen den Siedlern hingegen weiter offen.“ Die mährischen Namen seien oft falsch beurteilt worden. Forscher, die Gleichheiten bei Ortsnamen gefunden haben wollen, hätten „keine Ahnung von slawischen Ortsnamen gehabt“. Man dürfe niemals von heutigen Formen ausgehen. „Der historische Bezug ist sehr wichtig. Die Namen müssen möglichst zur Zeit der Wanderung gleich gewesen sein.“ Warum die Söhne und Töchter der Stadt plötzlich verschwunden sind, erklärt die Theorie auf den ersten Blick nicht. Es habe gewiss unzählige Vermisstenschicksale gegeben, vermutet Udolph. „Auswandern ist immer mit Risiken behaftet, da reichen einige wenige Unglücksfälle aus, um in der Heimat zu gewaltigen Katastrophen umgedeutet zu werden.“