Mittsommer

Wundersame „Weiße Nächte“

Von den uralten Wurzeln der Sonnenwendfeste

Von Peter Weber

Während in Skandinavien und im Baltikum die ausgelassene Feier der Sommersonnenwende zu den Höhepunkten des Jahres gehört, will sich hierzulande ein solch unverkrampftes Treiben nicht einstellen, zu nachhaltig wirkt, wie sehr diese alte Tradition in den 20er und 30er Jahren vaterländischem Pathos und einem kruden germanischen Weltbild einverleibt wurde. Zudem fehlt unseren Breiten der Kern des nordischen Überschwangs, das dauerhaft waltende Tageslicht, das einen kurzen Triumph über die Dunkelheit feiert, dabei aber die Psyche des Menschen gehörig aus dem Lot zu bringen vermag.

Uralt sind die Wurzeln der Sonnenwendfeiern. Spätestens seit dem Auffinden der Himmelsscheibe von Nebra weiß man, welch hohe Kultur astronomischer Beobachtung nicht nur im englischen Stonehenge, sondern auch auf dem Kontinent in wohl gar nicht so grauer Vorzeit verbreitet war und welch große, ja existenzielle Bedeutung dem zyklischen Geschehen des Sonnensystems beigemessen wurde. Die Zeiten der Winter- und Sommersonnenwende, denen in großräumigen, steinernen oder hölzernen Observatorien nachgespürt wurde, bildeten die beiden Ankerpunkte des Jahreslaufs. Während die wieder länger werdenden Tage der Wintersonnenwende einen Hoffnungsschimmer in der Notzeit des Winters bedeuteten, standen die „Weißen Nächte“ der Sommersonnenwende ganz im Zeichen einer sich üppig entfaltenden Natur. Nun galt es, ein gutes Erntejahr zu beschwören, die in ihr waltenden Geister gnädig zu stimmen und an ihren Kräften zu partizipieren.

Mit der Christianisierung gesellte sich der Sonnenwende mit dem 24. Juni ein besonderer Tag hinzu, der Johannistag. Er war der Geburt von Johannes dem Täufer gewidmet, der der Überlieferung nach ein halbes Jahr vor Jesus geboren wurde. Er gilt den Christen als Lichtgestalt, Gewährsmann für Wachstum und Fruchtbarkeit, und fügte sich damit in die Vorstellungen des alten Glaubens fast nahtlos ein. Was dazu führte, dass die Riten der Sonnenwende sich alsbald in der Feier der Johannisnacht wiederfanden und sich darüber hinaus in verschiedenen Formen und Ausprägungen auf die Festtage der gesamten Frühlingszeit verteilten, von den Osterbräuchen, dem Aufrichten des Maibaums, dem Zechgelage zu Himmelfahrt bis hin zum Pfingstausflug in die grüne Natur.

Man braucht nicht viel Fantasie, um nachvollziehen, mit welch religiöser Inbrunst das Eintreten der Sonnenwende in vorchristlichen Zeiten gefeiert wurde, zelebriert von Druiden vor einer herbeigeeilten Pilgerschar. Heutzutage lebt solches in Stonehenge wieder auf, mit tausenden spirituell orientierten Sonnenanbetern – fragt sich, ob deren Ansinnen in dem Trubel nicht untergeht. Auch im Teutoburger Wald hat mit den Externsteinen ein solcher „Kraftort“ wieder an Anziehung gewonnen. Hier frönt eine kunterbunte Schar weitgehend befreit von völkischen Altlasten und alkoholischer Benebelung mit den Klängen von Trommeln, Flöten und Didgeridoos der Nacht der Nächte, Einklang mit der Natur und kosmischen Kräften suchend.

Es versteht sich von selbst, dass bei den alten Sonnenwend- und Johannisfeiern das Entzünden von Feuern im Mittelpunkt stand. Feuerräder rollten von den Bergen und die ringsum lodernden Flammen der Johannisfeuer sollten die wieder schwindenden Kräfte der Sonne für die kommende Zeit bewahren, böse Geister vertreiben, Menschen und Vieh vor Krankheit und Hexerei schützen und reinigend auf Körper und Seele wirken. Dabei kam dem Sprung über das Feuer besondere Bedeutung zu. Von jungen Leuten ausgeführt, gab sein Gelingen über mancherlei Dinge Aufschluss, etwa über das Wachstum des Getreides, die Höhe des zu erntenden Flachses oder aber den Zeitpunkt der Vermählung eines Paares, war doch das ausgelassene Fest immer auch ein ländlicher Heiratsmarkt.
Tief war der Brauch des Johannisfeuers in allen Schichten verwurzelt, das zeigt sich in einer überlieferten Begebenheit aus dem Jahr 1497. Da wollten der in Augsburg weilende Kaiser Maximilian und dessen Sohn, Erzherzog Philipp, an dem Volksvergnügen teilhaben, riefen die Patrizierinnen der Stadt zusammen und ließen auf dem dortigen Fronhof ein „Sunwentsfeuer“ errichten. Das entzündete die schöne Susanna Neithard mit einer Fackel und tanzte hernach mit Phi-lipp, der ein Auge auf sie geworfen, einen Reigen um die Flammen.

Auch sonst waren die Sonnenwendbräuche von ganz elementarer Natur. Wie etwa das Johannisbad. Im Jahre 1333 besucht der berühmte italienische Dichter Francesco Petrarca die große Stadt Köln und zeigt sich erst einmal beeindruckt, bei den Barbaren durchaus Zivilisation und Schönheit vorzufinden, dann wohnt er vor der Johannisnacht einem archaischen Ritual bei: „Bei meiner Ankunft in Köln am Vorabende des Johannisfestes wurde ich von meinen Freunden an den Rhein geführt, um ein merkwürdiges Schauspiel mit anzusehen. Das ganze Ufer war mit einer Schaar von Frauen bedeckt. Ich stieg auf einen Hügel, um den Vorgang besser sehen zu können. Unglaublich war der Zusammenlauf. Ein Teil der Frauen war mit wohlriechenden Kräuterranken gegürtet; mit zurückgeschobenem Gewande fingen sie an ihre weißen Hände und Arme in den Fluss zu tauchen und abzuwaschen. Dabei murmelten sie in einer mir fremden Sprache einige unverständliche Worte untereinander. Auf meine Frage, was dies zu bedeuten habe, erhielt ich zur Antwort, dass dieses ein uralter Gebrauch unter der Bevölkerung Kölns, namentlich der weiblichen sei, welche die Überzeugung hege, dass alles in dem ganzen Jahre drohende Elend und Unglück durch die an diesem Tage übliche Abwaschung im Flusse hinweg gespült werde und Freude und Glück dann nachfolge. Es sei also ein jährliches Reinigungsfest, welches mit unverbrüchlicher Pünktlichkeit begangen werde.“ „O überglücklich seid ihr, Anwohner des Rheins“, kommentiert Petrarca die Szene, „wenn dieser euch euer Elend abwäscht; das unsere abzuwaschen hat weder der Po vermocht noch der Tiber!“
Solche Rituale nahmen in der Johannisnacht breiten Raum ein, sprach man doch dem nächtens schweigend geschöpften Wasser besondere Kräfte zu. Man schmückte die Brunnen mit Blumengirlanden und opferte Brot, um die Wassergeister sich gewogen zu machen.

Nicht nur dem Wasser, der gesamten Natur galt solcher Glaube. Still musste es zugehen, wenn Frauen und Mädchen nun besonders wirksame Kräuter wie den Beifuß oder das Johanniskraut sammelten oder siebenerlei Blumen pflückten, sie zu Kränzen banden oder unters Kopfkissen legten – da entdeckte sich ihnen im Traum der künftige Liebste. Auch wurden Glück verheißende Blumenkronen aufgehängt und mit Bändern verzierte grüne Bäume errichtet, was im Norden noch heute geschieht.

Diese Weißen Nächte waren voller Magie, die überbordende Natur und die in ihr waltenden Wesen, Kobolde und Nymphen, hatten nun ihren großen Auftritt. Nicht von ungefähr lässt William Shakespeare das turbulente Geschehen in Elfenkönig Oberons Zauberwald zu einem Mitsommernachtstraum werden. Auch Ungeheures geschieht und fördert Finstres zutage: ein Wasserdämon, Neck geheißen, zieht nächtens unschuldige Seelen in die Tiefe, alte Mären erzählen vom strahlenden Helden Siegfried, der in der Johannisnacht durch den dunklen Hagen von Tronje seinen Tod findet, und die Überlieferung lässt nicht unerwähnt, dass der Rattenfänger die Hamelner Kinder zu Mitsommerzeiten, am Tage Johannes und Paul, aus der Stadt entführt habe. Da gilt es, die lichte Welt zu kräftigen, etwa durch ein üppiges Festmahl und freigiebig geschenktes Johannisbier.

Heute haben die Schweden den „Midsommar“ quasi gepachtet und sie vermarkten dieses imagefördernde ländliche Fest nach Kräften, auch wenn im wirklichen Leben Gevatter Alkohol oft über Gebühr die Bühne bespielt. Doch nur zu gern folgen wir in eine heile Welt und träumen einen schwedischen Sommernachtstraum von fröhlichen Menschen auf Landpartie und Blumenkränzen im Mädchenhaar, von Tänzen, Gesängen und spielenden Kindern, von Kaffee und Kuchen und fettem Fisch und etlichen Schnäpsen, um den Saum der Götter zu streifen an einem Himmel, der nicht dunkel wird.