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Von Kreuzsteinen, Mordkreuzen und Sühnezeichen

Einblicke in die sagenumwobene Geschichte der Steinmale

Von Wilhelm Gerntrup

Steinkreuze, Kreuzsteine und andere, oft abgelegen an Wegrändern, Böschungen oder unter Bäumen und Hecken gelegene Gesteinsblöcke und -Platten haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Das hat vor allem mit den oft geheimnisumwitterten Hintergrundgeschichten zu tun. Manche der Steine wurden zur Erinnerung an die Opfer von tragischen Unfällen oder grausamen Verbrechen aufgestellt. Auf einigen sind Zeitpunkt und Anlass des Geschehens eingraviert.

In althergebrachten Überlieferungen ist von „Mordsteinen“ die Rede. Andere gelten als Sühnezeichen. Ob und was davon Wahrheit oder Dichtung ist, ist schwer zu sagen. Die meisten „Stein-Storys“ wurden über Generationen hinweg weitererzählt und dabei mit fantastischen und zumeist schaurig-schönen Details ausgeschmückt.
Auch sonst liegt die Entstehungsgeschichte der gut 70, im Bereich des Weserberglands noch vorhandenen Gesteinsmonumente weitgehend im Dunkeln. Die amtlichen Denkmalschützer sprechen von „Steinmalen“. Sie werden, genauso wie Großsteingräber, Burgen oder Wallanlagen, den archäologischen Denkmalen zugerechnet. Bei Steinkreuzen und Kreuzsteinen handele es sich um „Rechtsdenkmale des Mittelalters und der frühen Neuzeit“, ist in einer Info-Broschüre des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalschutz zu lesen. Darüber hinaus seien solche Male seit alters her auch zur Kennzeichnung von Gerichts-, Gebets- und Begräbnisstätten sowie „für erschlagene oder verunglückte Personen errichtet“ worden, „die ohne Sterbesakramente umgekommen“ seien.

Kreuzstein Hessisch Oldendorf Kreuzstein in Hessisch Oldendorf

Der Hinweis auf die „Rechtsdenkmale des Mittelalters und der frühen Neuzeit“ bezieht sich auf die vor langer Zeit geltenden, aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbaren strafrechtlichen Regeln und Verfahrensweisen. Historischer Hintergrund: Nach Jahrhunderten der (Thingstätten-)Volksgerichtsbarkeit kamen mit den mittelalterlichen Rechtsbüchern zum ersten Mal einheitlich-verlässliche Strafregelungen zur Anwendung. Wichtigste Grundlage hierzulande war der um 1230 verfasste „Sachsenspiegel“. Das mit zahlreichen Zeichnungen angereicherte und deshalb für Jedermann verständliche Werk sah neben Leibes- und Todesstrafen auch die Möglichkeit der Abgeltung der Schuld durch Zahlung von Bußgeld vor. Höhe und Umfang waren von der sozialen Stellung des Opfers und der Schwere des Vergehens abhängig. Der finanzielle Schadenausgleich für den Verlust eines Menschen wurde Manngeld oder Wergeld genannt. Nicht selten wurde dem Täter als bleibende Mahnung auch die Aufstellung eines Gedenksteins auferlegt – je nach Form und Sprachgebrauch auch „Sühnekreuz“ oder „Mordstein“ genannt.

Kreustein Nettelrede Kreuzstein in Nettelrede

Im Laufe der Zeit rückte die Versöhnungs-Idee immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen wurden Gesetzesübertretungen als Verstöße gegen den öffentlichen und/oder göttlichen Frieden gewertet und nur noch durch Pranger, Handabhacken, Rädern und andere Leibes- und Lebensstrafen abgegolten. Zu den besonders geschützten „Friedensbereichen“ gehörten unter anderem auch Wege, Brücken, Kirchen, Mühlen, Gerichtsstätten und Grabanlagen. Damit diese Schutzzonen sofort ins Auge fielen, wurden sie gekennzeichnet. Am einfachsten ging das mit auffällig geformten oder bearbeiteten Steinen, (Schilder-)lesen konnte damals kaum einer.
Angesichts einer derart großen Verwendungsvielfalt von Steinen und der äußerst lückenhaften Quellenlage waren und sind stimmige Aussagen über Herkunft und Verwendung der weitaus meisten hierzulande noch vorhandenen Exemplare schwierig. Das hat ehrgeizige Hobbyhistoriker nicht davon abgehalten, auf Erklärungssuche zu gehen. Nicht selten kamen dabei mit viel Fantasie angereicherte, in Ortschroniken „verewigte“ Geschichten zustande. Die ersten überregionalen Untersuchungen über die hiesige Gegend wurden – unter erkennbar völkisch- ideologischen Vorzeichen – während der Kaiserzeit (Hans Viebrock, Kreuzsteine in Niedersachsen, Zeitschrift für Geschichte, Landes- und Volkskunde, Jg. 1908/09) sowie während der NS-Ära (Adolf Hoffmann, Die mittelalterlichen Steinkreuze, Kreuz- und Denksteine in Niedersachsen, 1935) zu Papier gebracht. Beide Darstellungen finden sich heute, genauso wie einige der späteren Veröffentlichungen, auf speziellen Internet-Seiten wieder. Dabei werden die Steinmale oft und gern – in Anlehnung an die gesetzlich definierten „Naturdenkmale“ als „Flurdenkmale“ bezeichnet. Eine Auswahl legendärer heimischer Kreuzsteine:

Kreuzstein Messenkamp, Samtgemeinde Rodenberg: An der Straße nach Hülsede; der Stein diente lange Zeit als Behelfsbrücke, bevor er in den 1870er Jahren als erhaltenswertes Kulturdenkmal (wieder-) entdeckt wurde. Der Legende nach sollen sich einst in der Nähe des Fundorts zwei Knechte gegenseitig mit der scharfen Spitze einer Pflugschar umgebracht haben. In anderen Überlieferungen ist von einem Bauern und einem Landsknecht die Rede. Der Stein wird auch als „Schwurstein“ bezeichnet.

Kreuzstein Wolfsstein in Aerzen: Vor dem östlichen Ortseingang an der B1; die eingravierte Schrift ist nur noch ansatzweise erkennbar. Der Sage nach sollen sich in der Nähe des heutigen Standorts zwei Brüder namens Wolf aus Eifersucht gegenseitig erschlagen oder mit Schwertern umgebracht haben. Im Volksmund ist deshalb von „Wolfstein“ die Rede.

Kreuzstein im Museum Hameln: Der heute im Hamelner Stadtmuseum aufbewahrte Stein soll lange Zeit vor oder neben der ehemaligen Marienkapelle gestanden haben. Der noch ansatzweise erhaltenen Beschriftung kann man entnehmen, dass es sich um einen mittelalterlichen Sühnestein handelt. Er wurde als bleibendes Mahnmal zu Ehren eines am 20. Juni des Jahres 1400 erschlagenen Heneke Kellermann angefertigt. Um Ursache und Ablauf die Tat ranken sich mehrere unterschiedliche Geschichten.

Kreuzstein in Hessisch Oldendorf: An der Böschung der alten Bundesstraße 83 zwischen Hessisch Oldendorf und Krückeberg. Der Sage nach soll hier einst eine Gräfin ermordet worden sein. In anderen Überlieferungen ist von einem schwedischen Offizier die Rede, der während der legendären Schlacht in und um Hessisch Oldendorf im Jahre 1633 ums Leben gekommen sei.

Kreuzstein in Nettelrede: Auf dem Taubenberg nordöstlich von Nettelrede bei Bad Münder. Auf dem kunstvoll behauenen Kreuzstein ist in gotischer Schrift die Vorgeschichte eingraviert. Danach wurde an dieser Stelle im Jahre 1583 „de edle vnd erndtuest Christoffer van wetberg“, Spross eines wohlhabenden, in der Nähe ansässigen Adelsgeschlechts, von einem umstürzenden Baum erschlagen.

Kreuzstein im Süntel bei Zersen (Hessisch Oldendorf): An dem Weg durchs Blutbachtal in Richtung Pappmühle: Der stark beschädigte Stein gehört zu den wenigen hierzulande noch erhaltenen Kulturdenkmalen, auf denen Ursache und Zeitpunkt der Aufstellung vermerkt sind. Danach wurde hier am 8. Januar 1584 während einer Jagd ein „reisiger Knecht“ (Reitknecht) namens Hans Ridde von einem Keiler getötet. Von der Geschichte sind mehrere Versionen in Umlauf.

Kreuzstein Stuckenstein, Holzminden: Zwischen Neuhaus und Lüchtringen in Nordrhein-Westfalen im Holzmindener Staatsforst. Auf der Rückseite sind die Jahreszahl 1585 sowie die Entstehungsgeschichte des Steins eingraviert. Danach kam an diese Stelle Arnd Stucken „DVRCH PVLVER VNDT LOT“ ums Leben. Einer überlieferten Sage zufolge war Stucken ein Aufseher des Herzogs von Braunschweig, der von einem Wilderer erschossen wurde.