Kai Meyer

...und dazu ein Einhorn

Fantasy-Autor Kai Meyer spricht über Sehnsüchte, Tolkien und die Ratten von Hameln

Kai Meyer ist einer der bekanntesten Fantastik-Autoren in Deutschland. Im Jahr 1995 veröffentlichte er den Roman Rattenzauber - ein unheimlicher Roman, der die Sage vom Rattenfänger neu erzählt und mystische mit historischen Elementen auf ansprechend gruselige Art vermengt. Inzwischen hat Meyer, der 1969 in Lübeck geboren wurde, über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet. Wir haben mit ihm über die Liebe zu fantastische Welten, Sehnsucht und Realitätsflucht gesprochen.

Herr Meyer, welches war der erste Fantasy-Roman, den Sie gelesen haben.

„Die dreibeinigen Herrscher“ von John Christopher, er ist gerade unter dem Originaltitel „Tripods“ neu aufgelegt worden. Das war Ende der Siebzigerjahre, ich war acht oder neun und aufgrund des ersten „Star Wars“-Films auf der Suche nach Science Fiction. Mit elf habe ich den „Herrn der Ringe“ gelesen, das war die Initialzündung: Sowas wollte ich selbst schreiben.

Elf Jahre, das ist aber früh...

Ich habe damals die Zeichentrickverfilmung gesehen, dann eine Comicadaption gelesen - und beides brach nach der halben Geschichte ab. Ich wollte aber unbedingt wissen, wie sie ausgeht.

Gehört Tolkien auch zu ihren Vorbildern?

Heute nicht mehr, mit elf schon. Ich habe mich tatsächlich hingesetzt und eine Art „Herr der Ringe“ auf zehn Schreibmaschinenseiten geschrieben. Ich habe sie heute noch, wie überhaupt alles, was ich als Teeanger verfasst habe, jede begonnene und abgebrochene Kurzgeschichte, all die Romananfänge eines 14-, 15jährigen.Tolkien habe ich seitdem nicht mehr wirklich gelesen, mal ein paar Seiten hier und da. Aber natürlich habe ich die Verfilmungen gesehen, viele Male sogar, und die Hörspieladaption des „Hobbit“ von 1980 mag ich noch immer sehr. Tolkiens Stil liest sich heute etwas angestaubt, aber gerade das ist natürlich Teil seines Charmes. Seine Geschichte hingegen ist zeitlos, fast wieder modern, wenn man sich die vielen Epigonen in Film und Buch ansieht. Vielleicht, weil die Moderne heutzutage in erster Linie retro ist.

Gibt es andere Vorbilder?

Nicht wirklich, dafür mache ich das zu lange. Ich sehe bei vielen Autoren, die ich früher toll fand, nur noch das, was auch sie falsch machen. Das ist leider eine Art Berufskrankheit, man liest analytischer, schaut quasi ständig hinter die Kulissen. Das zerstört den Zauber ein wenig. Die letzten echten Idole hatte ich mit Anfang zwanzig - eines war der frühe Clive Barker - , aber manche dieser Autoren kann ich heute nicht mehr lesen. Das ist schade.

Stichwort „Rattenzauber“: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ich habe zu dem Zeitpunkt historische Romane geschrieben, die einen fantastischen Einschlag hatten. Ich habe mich nie als Autor von historischen Romanen gesehen, ich wollte Fantasy oder auch unheimliche Literatur schreiben. Das war Anfang der Neunzigerjahre schwierig, weil die Verlage nicht daran interessiert waren. Also habe ich historische Romane geschrieben, in die ich mal mehr, mal weniger Phantastik hineingemogelt habe.

Das ist ja ähnlich wie bei der Rattenfängersage, die besteht auch aus zwei Sagen: Der historischen wurde quasi eine zweite Geschichte aufgepfropft, vielleicht, um sie ein wenig fantastischer zu machen...

Ja. Ich habe mich ganz bewusst hingesetzt und habe überlegt: Welche Mythen und Legenden gibt es in Deutschland, mit denen ich arbeiten könnte? So kam es zu Romanen über den Rattenfänger, die Loreley, über die Brüder Grimm und ihre Märchen, über Faust, die Nibelungen und noch ein paar andere. Ich habe die ganze Palette abgearbeitet und hatte großen Spaß daran.

Wie stark beeinflussen Sagen ihre Arbeit?

Sehr stark damals bei den historischen Romanen. Mittlerweile ist es weniger geworden, es hängt auch von den Schauplätzen ab. Vor ein paar Jahren habe ich die Trilogie „Diue Sturmkönige“ geschrieben, eine Geschichte, die im Orient spielt. Da bot es sich natürlich an, mit all den bekannten und unbekannten Elementen aus „Tausenduneiner Nacht“ zu arbeiten. Angefangen bei illegalen Rennen auf fliegenden Teppichen über eine Invasion von Dschinnen bis hin zum Kalifen Harun Al Rashid.

Neben Fantasy-Romanen scheinen auch antimoderne Serien wie Game of Thrones gewisse Sehnsüchte bei Menschen zu stillen, aber wonach eigentlich?

In einer gewissen Spielart der Fantasy mag manchen Leuten die klare Strukturierung in Gut und Böse gefallen - das ist ja etwas, das wir in unserer Welt immer vergeblicher suchen. Allerdings trifft genau das weder auf „Game of Thrones“ noch auf meine Bücher zu. Dort geht es eher darum, dieses Schema zu brechen und bei all den phantastischen Bildern eine Art moralischen Realismus beizubehalten. Das habe ich gerade wieder ganz massiv in meiner aktuellen Reihe „Die Seiten der Welt“ betrieben. George R.R. Martin macht das natürlich ganz wunderbar.

Ist das Brechen des Schemas ein neuer Trend in dem Genre?

Das gab es schon immer, aber „Game of Thrones“ hat es präsenter gemacht. Die Verbreitung einer TV-Serie ist einfach tausendmal größer als die einer Romanreihe. Als Autor ist es wichtig, seine Figuren eben nicht einfach in Gut und Böse zu unterteilen, sondern sie einzig und allein nach individuellen Motivationen zu führen. Der Schurke muss immer der Held seiner eigenen Geschichte sein. Zumindest, wenn er ein gut geschriebener Schurke ist.

Dem Genre wird oft Realitätsflucht vorgeworfen, Tolkien sagt dagegen „Die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind Gefängniswärter.“

Das klingt gut und griffig, stimmt aber eigentlich nicht. Gefängniswärter mögen keine Flucht, aber sie mögen Eskapismus, weil der die Gefangenen ruhig stellt. Wem ich eine überzeugende imaginäre Realitätsflucht anbieten kann, der flieht nicht in der Realität, sondern nur in seinem Kopf. Es sei denn, ich treibe ihn so weit, dass er beginnt, an seiner Realität zu zweifeln und auszubrechen. Wenn es mir gelingt, Leser an diesen Punkt zu bringen und sie von Konsumenten zu Handelnden zu machen, dann habe ich ein Ziel erreicht. Ganz gleich, ob dieses Handeln eigenes Schreiben ist der sogar ein Überdenken des persönlichen Angepasstseins.

Befriedigt Fantasy Sehnsüchte, wie es die reale Welt nicht kann?

Phantastik bietet alles, was die reale Welt bietet, aber eben noch vier mehr. Ich vergleiche das gern mit Farben auf einer Palette. Es gibt Maler, die malen nur in Schwarz-Weiß und es gibt Maler, die benutzen allen Farben - und mischen sogar noch eigene neue. Die phantastische Literatur ist Malen mit Farben, die der realistischen Literatur nicht zur Verfügung stehen. Wir haben unbegrenzte Möglichkeiten. Theoretisch kann ich jedes Thema, an dem sich der Realismus abarbeitet, auch als Phantastik verarbeiten, von der klassischen Entwicklungsgeschichte bis zum großen Familiendrama. Es läuft eben nur ein Einhorn durchs Bild.

Interview Dorothee Balzereit

Kai Meyer ist einer der bekanntesten Fantastik-Autoren in Deutschland. Im Jahr 19.. veröffentlichte er den Roman Rattenzauber - ein unheimlicher Roman, der die Sage vom Rattenfänger neu erzählt und mystische mit historischen Elementen auf ansprechend gruselige Art vermengt. Inzwischen hat Meyer, der 1969 in Lübeck geboren wurde, über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet. Wir haben mit ihm über die Liebe zu fantastische Welten, Sehnsucht und Realitätsflucht gesprochen.

 

Bild: Gaby Gerster