Wilder Peter quer

Hamelns vergessenes Wildkind

„Der wilde Peter“ - vor vielen Jahren einmal eine Berühmtheit

Von Richard Peter

Ein Schattendasein – im Schatten des Rattenfängers: „Der wilde Peter“. Ein Wildkind aus dem Klütwald. Vor langer Zeit eine Berühmtheit. Und anders als andere seiner Art – am berühmtesten natürlich Kiplings Mogli aus dem Dschungelbuch, der durch Disneys so genialen wie niedlichen Zeichentrick-Film zum globalen Hit wurde. Allerdings: eine literarische Erfindung. Konkurrenz auch ganz real für Hamelns „Wilden Peter“ durch einen Kaspar Hauser, der die Fantasie der Menschen immer wieder beschäftigt hat – aber auch das „Wildkind“ aus Truffaults Film, ein Wildkind aus Südfrankreich, der Anfang der 70er-Jahre in die Kinos kam.


Kinder, in der Natur ausgesetzt, die dennoch überlebten. So wenig sie dafür auch ausgestattet waren. Wölfe als Zieheltern und so in die Natur hineingewachsen. Mit ihr vertraut. Im wahrsten Sinn – nach Heidegger: ins Leben geworfen. Angeblich am 17. Juli 1724 als „geistig behinderter Junge ungeklärter Herkunft“, wie es hieß, im Alter von 13 Jahren – andere Quellen sprechen von einem Zwölfjährigen – auf einer Wiese bei Hameln von einem Bauern aufgegriffen. Auch hier nur Vermutungen. Die Kuhwiese am Finkenborner Weg wird genannt, aber auch der Klüt-Südhang, der damals noch nicht bebaut war. Auf dem Weg in die Stadt sammelten sich Kinder um den seltsamen Jungen, ein „blanckes“, also nacktes, schwarz behaartes Geschöpf mit erstaunlich braungegerbter Haut und auf allen Vieren. Die Kinder gaben ihm spontan den Namen Peter, den er zeitlebens behielt.
Sein Verhalten: „wie ein wildes Tier“, wie Zeitzeugen aussagten. Seine Nahrung: Vögel, rohes Gemüse aber auch Gras vom Wegrand. Es dauerte, bis er gekochte Nahrung und Brot zu sich nahm. Aber dann, zum Leidwesen seiner Betreuer, für zwei futterte. Auch das ein Grund, warum man ihn möglichst schnell loswerden wollte.
Der seltsame Junge, der nur unartikulierte Laute sprechen konnte, weil seine Zunge verwachsen war und als geistesgestört oder vom Teufel besessen galt, landete zunächst in der Garnisonskirche – heute Sparkasse Hameln Weserbergland – dann im gegenüber liegenden Armenhaus der Stadt.
Im erst kürzlich erschienenen Roman „Das wilde Kind von Hameln“ von Bettina Szrama, findet das Wildkind in Grete, der Tochter des Armenhausaufsehers, eine Verbündete, die sich um ihn kümmert, ihn versorgt, schließlich mit nach England begleitet. Sie ist es auch, die bei ihm einen Stofffetzen mit dem Wappen des Kurfürsten von Hannover entdeckt – was aber ohne Folgen bleibt. Eine seltsame Parallele zu Kaspar Hauser, der ebenfalls mit einem Fürstenhaus in Verbindung gebracht wird.
Der kleingewachsene Junge, der seinem Entdecker, wie überliefert, bis zum Gürtel reichte, wurde 1725 ins Waisenhaus nach Celle verlegt. Ein Jahr später von König Georg I. von Hannover in Personalunion auch König von Großbritannien, begutachtet und 1726 nach England gebracht, wo er eine zeitlang als Hofnarr gehalten wurde. Doch schon früh war man seiner überdrüssig, so sehr er in der Gesellschaft für Furore gesorgt hatte. Selbst Jonathan Swift und Daniel Dafoe, die beiden noch heute berühmten Schriftsteller, begeisterten sich für „the most wonderful wonder“ - und Philosophen diskutierten plötzlich das Thema, was einen Menschen ausmachen würde.
Das Wildkind wurde dem schottischen Arzt und Mathematiker John Arbuthnot übergeben, der sich sehr um seine Erziehung und Entwicklung bemühte. Aber dennoch nie das Sprechen lernte, nie gelacht hat, wie berichtet wird. Sexualität und Finanzen ließen ihn gleichgültig.Allerdings war er musikalisch interessiert.
Mit 60 Jahren kam er noch einmal an den englischen Hof, wo er König Georg III. vorgeführt wurde. 1785 starb er in Hertfordshire – über 70 Jahre alt. Ein Gemälde von ihm, das ihn als Jungen mit abstehendem, zerstausten Haar und auffällig geschwungenen roten Lippen zeigt, ist noch immer im Kensington Palace zu besichtigen. Auf seinem Grabstein steht schlicht: „Peter the Wild Boy“.
Eine der ältesten – und bedeutendsten Geschichten, in der eine Wölfin Menschenkinder am Leben erhielt – die Gründer Roms, Romulus und Remus. Ähnlich Moses, der in einem Körbchen im Nil ausgesetzt wurde, allerdings von der Tochter des Pharao entdeckt und gerettet wurde – waren die beiden späteren Rom-Gründer in einer Wanne im Tiber ausgesetzt. Eine Wölfin entdeckte die beiden, die gestrandet, hilflos im Schlamm lagen – brachte sie in ihre Höhle, wo sie von ihr saubergeleckt und gesäugt wurden.
Berühmt auch Kaspar Hauser, der als bekanntestes, aber auch geheimnisvollstes Wildkind Deutschlands gilt und 1828 überraschend in Nürnberg auftauchte. In einer Jackentasche fand sich ein Zettel, darauf stand, dass er 1812 geboren wurde und Kaspar heiße. Seine Herkunft blieb – so sehr und fantasievoll spekuliert wurde – im Dunkeln. Auch Jan Beinßen, gebürtiger Schaumburger und eine zeitlang Kollege in der Dewezet-Redaktion, bevor er nach Nürnberg wechselte, hat in seinem Roman „Hausers Bruder“, den Fall aufgegriffen. In Ansbach wurde das geheimnisvolle Wildkind von einem Unbekannten erstochen. Immer wieder hieß es, der Junge sei ein Sohn des Großherzogs Karl von Baden, der absichtlich ausgesetzt wurde, um ihn von der Thronfolge auszuschließen. Gentests – man hatte auf einem Stoffteil Blutreste von Kaspar Hauser gefunden – haben aber keine Verbindung zum Großherzog bestätigen können.
Noch ein berühmtes Wildkind. Der Wilde von Aveyron, der 1800 in Südfrankreich gefangen wurde. Für Truffaults Film „Das Wildkind“, das 1970 in die Kinos kam, war er das Vorbild. Schon immer haben ausgesetzte Kinder, von Wölfinnen gesäugt und so am Leben erhalten, die Fantasie der Menschen beschäftigt, weil man in ihnen sozusagen „Urmenschen“ sah, die fern jeglicher Zivilisation, in und mit der Natur leben mussten. Überleben konnten. Was passiert mit Menschen, die mit sich selbst – ohne Familie, ohne Anleitung, ohne Erfahrungen, ohne Schule – in der Wildnis leben. Wie in den Anfängen unserer Zivilisation. Die Babyzeit der Menschheitsgeschichte. Der Versuch, mit diesen Kindern unserem Ursprung auf die Spur zu kommen.
Eines von ihnen: Der wilde Peter von Hameln – der seit 1932 in einem Glasfenster in einer Nische beim Treppenaufgang des Hochzeitshauses verewigt wurde. Rudolf Riege, berühmt für seine Holzschnitte und Ansichten von Hameln und des Weserberglands, hat das Wildkid hier, neben Napoleon verewigt. Dazu gehören auch plattdeutsche humorvolle Verse von Bernhard Flemes: „Der wilde Peter, wiest uns an, wat ut’n Minschen weren kann“.
Was dem „wilden Peter“ zugute kam: Sein Auftauchen fiel in eine der seltenen Friedenszeiten, sodass die Bürger keine anderen Sorgen hatten und dankbar waren für eine Sensation wie das Wildkind, von dem es hieß, es könne die Ohren bewegen wie ein Affe.
Wilhelm Raabe vermutete in seinen „Hämelschen Kindern“, dass beispielsweise Swift, der einen „humorvollen Bericht über die Hof-Sensation“, die Peter anfangs als Hofnarr zweifelsohne war, veröffentlich hatte und gerade mit seinem Gulliver beschäftigt, durch den „wilden Peter“ zu seiner Schilderung der vertierten Yahoos angeregt worden sei.
Es dauerte allerdings nicht lange und die Faszination des Hamelner Wildkinds wurde von etwas, das noch faszinierender war, übertüncht. Dem Rattenfänger von Hameln, der vor allem Künstler inspirierte, die dessen Geschichte in immer neuen Varianten fortgeschrieben haben. Dennoch: auch Peter gehört zu den Ausnahmeerscheinungen, die hier ihre Wurzeln haben. Manchmal nicht ganz en vogue – aber, so vergessen, unvergesslich.