münster

Hamelner Sagen

Vom Finkenborner Weg, dem Münster und anderen Orten

Das Geheimnisvolle bleibt, auch wenn sich manches natürlich erklären läßt In den Sagen und Märchen waltet die Volkspoesie und sucht das Geheimnisvolle und
Unerklärliche zu deuten. Sie sind für uns wichtige Quellen der Volkskunst und Erzeugnisse der schöpferischen Phantasie, aus denen mancherlei Erkenntnisse und Weisheiten hervorleuchten

 Während die Märchen meist auf freier Erfindung beruhen, werden in den Sagen vorwiegend Ereignisse der Vergangenheit behandelt die noch dunkel fortleben, aber schriftlich nicht beglaubigt sind. Nun ist es wahrscheinlich, dass manche Sagen einen geschichtlichen Kein haben, nur macht es die wuchernde Phantasie schwer, die Wahrheit herauszuschälen. Wer dies versucht, gerät leicht in die Gefahr, Wunschträumen oder Einbildungen zu verfalIen. So gibt es eine ganze Reihe von Denkmals- oder Erklärungssagen, die gleichsam rückwärts entwickelt wurden. Es sei nur an die zahlreich in der Landschaft zerstreuten Kreuzsteine oder Steinkreuze erinnert, die auf eine Ablösung der germanischen Blutrache oder des Wehrgeldes durch Kirchenbußen zurückgehen. Da diese Sühnezeichen meist unbeschriftet sind, ist der Anlass zur Errichtung längst vergessen, und die daran geknüpften Sagen haben meist mit dem wirklichen Geschehnis nichts mehr zu tun. Jeder Deutungsversuch muß daher fruchtlos bleiben. Dass auch ernsthafte Gelehrte nicht frei von Wunschträumen sind, dafür ein Beispiel. Im Jahre 1924 erschien das Buch ,,Urwelt, Sage und Menschheit“ des Naturphilosophen und Paläontologen Edgar Dacque. Dieser führte die zahlreichen Sagen von Drachen und Ungeheuern daraufzurück, daß die Menschheit noch aus Urzeiten die Erinnerung an die Begegnung mit den letzten der ausgestorbenen Großsaurier und Riesenechsen bewahrt habe. Nun liegen zwischen dem Aussterben der Saurier in der Kreidezeit und dem ersten Auftreten des Vormenschen gegen Ende der Tertiärzeit 80 bis 100 Millionen Jahre! Nur  Knochenfunde aus dieser längst vergangenen Zeit des Erdmittelalters können die Phantasie der ersten Menschen belebt haben.

Die Gründung des Münsters

Die Anfänge der Hamelner Siedlung gehen bis ins achte Jahrhundert zurück,wenn auch genaue Angaben fehlen. Ein so geschichtsträchtiges Gemeinwesen wie Hameln hat daher auch mancherlei Sagen erzeugt, und die weltberühmte Rattenfängersage hat viele Geschwister; nur sind sie reine Ortssagen geblieben. So ist auch schon die Gründung der Missionsstation und des ersten Kirchleins durch Fuldaer Mönche in Hameln von Sagen umrankt. Friedrich Meissei erzählt die schon von dem ersten Hamelner Ghronisten Johann von Pohle feestorben 1350) stammende Geschichte, der Imilige Bonifatius habe, um 712 von Merseburg kommend, ein heidnisches Heiligtum an der
Mündung der Hamei in die Weser gefunden und zerstört. Er habe den hier ansässigen Grafen Ewrard von Osten (Ohsen?) und seine Gemahlin auf die christlichen Namen Bernhard und Christine getauft und um die Erlaubnis gebeten, hier eine Kirche zu errichten. Um den besten Platz für das Gotteshaus zu finden, habe das gräfliche Ehepaar auf der Burg Bühren, die auf dem Klüt gelegen haben soll, einen Esel mit Gold beladen und den Berg hinabgeschickt. In einer sumpfigen Gegend, wo der Esel von selbst
tehenblieb, sei das Münster gebaut worden.Heinrich Spanuth hat in seiner ,,Geschichte der Stadt Hameln“ schon die meisten dieser Angaben in die Legende verwiesen. Zwar dürfte der Graf Bernhard oder Berenhard wirklich gelebt haben, da er durch Schenkungen an das Kloster Fulda bezeugt ist. Bonifatius oder Winfried, der Apostel der Deutschen (673-754), hat die Heiden in Hessen, Thüringen und Friesland bekehrt; sein Aufenthalt in Hameln ist jedoch nirgends bezeugt. Nach Spanuth muß man die Anfänge der fränkischen Mission in Hameln, die wahrscheinlich in den Sachsenaufstähden 778 wieder zugrunde ging, und die Gründung des Stifts Hameln um 817
streng auseinanderhalten. Die Geschichte von dem Goldesel jedoch ist eine Wandersage, mit der das bedeutende Ereignis der Kirchengründung nachträglich ausgeschmückt wurde.

Die weiße Jungfrau am Riepen

Zu den Münster-Sagen gehört auch die Erscheinung der weißen Jungfrau am Riepen. Man will sie gesehen haben, wie sie mit einem Bund Schlüssel in der Hand traurig durch den Wald gewandert sei und bei Mondschein sehnsüchtig die Arme nach dem verfallenen Münster ausgestreckt habe. Sie sei gleichsam ruhelos geworden, weil auch ihre Gruft im Münster zerstört worden sei. Auch heißt es, daß sie einen großen Schatz im Walde bewache. Erst wenn das Münster wiederhergestellt sei und die Glocken das Osterfest verkündeten, könne die Jungfrau wieder ruhig schlafen. Der Schatz solle demjenigen gehören, der dies bewirkt habe. Weiße Frauen oder Jungfrauen sind sonst als Schloßgespenster verbreitet. Am berühmtesten ist die Weiße Frau in dem heute nicht mehr vorhandenen
Berliner Stadtschloß, die schon mehrmals den Tod von Hohenzollern angekündigt haben soll. Der Sage nach ist es der Geist der ,,schönen Gießerin“ Anna Sydow, die
durch ihr trauriges Schicksal zur Todesbotin wurde. Die Geliebte des Kurfürsten Joachim II. wurde nach dessen Tode durch den Nachfolger Johann Georg, entgegen den Versprechungen, die er seinem Vater gegeben hatte, in die Festung Spandau geworfen und ist dort elend gestorben. Über die Sage der weißen Jungfrau vom Riepen
gibt vielleicht das Schicksal des Münsters selbst Auskunft. Zuletzt war das Gotteshaus nach dem Siebenjährigen Kriege verfallen und ist dann nach 1870 durch den Baumeister Gonrad Wilhelm Hase in seiner heutigen Gestalt wiederhergestellt worden. Das läßt einen recht jungen Ursprung der Sage vermuten.

Die Brüdersteine am Schöt


über die Brüdersteine im Walde oberhalb des ,,Schot“ bei Hameln gilt das einleitend von den Kreuzsteinen Gesagte. Von Friedrich Meissei wird erzählt, zwei Brüder seien in das gleiche Mädchen verliebt gewesen und keiner habe von ihm lassen wollen. Eines Tages seien die Brüder wohl in der Erntezeit hier zufällig zusammengestoßen und hätten sich mit den Sensen gegenseitig umgebracht. Das Mädchen aber habe beiden die Liebe bewahrt und jedes Jahr die Steine mit Kränzen aus Waldblumen geschmückt.
Warum die Steine errichtet wurden, weiß längst niemand mehr. Es ist nicht einmal sicher, daß sie hier immer zusammenstanden. Vielleicht sind sie bei einer Verkoppelung aus der Feldflur in den Wald versetzt worden, wo sie niemanden mehr störten. Die Hamelner Basilisken-Sage ist kürzlich von Ernst Spanuth in dieser Beilage ausführlich behandelt worden. Daß drei Menschen in einem Brunnen am ,,Himmelreich“ in der Fischpfortenstraße ums Leben kamen, wußte man im Mittelalter nicht anders zu deuten, als dass ein Basilisk in der Erde verborgen sei. Dieses schlangenähnliche Reptil mit dem tödlichen Blick geistert noch durch alte naturwissenschaftliche Werke, obwohl es niemand gesehen hat. Uns erscheint die Erklärung natürlicher, dass die drei Opfer durch ' Faulgase betäubt und getötet wurden. Zeugin oder Schlüsselfigur? Über die Rattenfängersage ist so viel gerätselt worden, dass wir uns hier kurz fassen können. In der ursprünglichen Fassung wird nur von einem Kinderauszug gesprochen, der später mit der Wandersage vom Rattenfänger verknüpft wurde.Auch die verschiedensten Deutungsversuche - ob Kinderkreuzzug. Tanzwut, Auszug zur Schlacht von Sedemünder, Siedlungszug nach Pommern oder Mähren - lassen es offen, ob hier ein wirkliches Ereignis zugrunde liegt. Da gelang Dr. Spanuth vor vierzig Jahren der Aufsehen erregende Fund in der Lüneburger Handschrift mit dem Zusatz: ,,Und die Mutter des Dekan Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen!“ In der Mutter Lüde, hier als Augenzeugin genannt, liegt vielleicht wirklich der Schlüssel zur Sage! Denn bei aller Achtung vor dem Forschungsergebnis darf man fragen: Haben nicht auch vor Jahrhunderten schon Mütter und Großmütter ihren Kindern und Enkeln Märchen erzählt, damit sie stille saßen? Haben nicht die Brüder Grimm einige ihrer schönsten
Märchen einer alten Frau, der ,.Viehmännin“ in Niederzwehren hei Kassel, zu verdanken gehabt? Es könnte auch so gewesen sein, dass die Mutter Lüde ein Ereignis ihrer Kindheit, vielleicht einen bunten Aufzug, mit flinker Phantasie ausgeschmückt hat und damit zur eigentlichen Schöpferin unserer Stadtsage wurde. Wie dem auch sei - es bleibt ein Geheimnis, das der nachschöpfenden Phantasie weiten Spielraum läßt.

Kein Raubritternest

Dass die Uetzenburg kein Raubritternest war, haben wir in der Ausgabe vom 2. März nachzuweisen versucht. Es kann also auch keinen Ritter Uetz gegeben haben, der die Kaufleute ausplünderte und eine Kette durch die Weser zög, um sie zu sperren. Die Mauerreste auf einem Bergspöm am Wehl deuten vielmehr auf eine nicht ständig bewohnte Fluchtburg für die Bauern und Gutsherren der Umgebung. Damit entfällt auch die zweite Sage, der Herzog Erich der Ältere sei in einer Fehde mit seinem
Neffen, dem Bischof von Minden, auf der Uetzenburg eingeschlossen worden. Ein Müller namens Wöhler aus Wehle habe den Herzog unter Lebensgefahr an die Weser gebracht, wo die Hamelnsche Mannschaft unter dem Grafen Bühren wartete. Bei einem anschließenden Gefecht seien 28 Fischer und fünf Bäcker ums Leben
gekommen. Die Schnitzereien am Stiftsherrnhaus haben den Hamelnern lange Rätsel aufgegeben, zumal sie durch häufigen Farbanstrich kaum noch erkennbar
waren. So bildete sich die neuzeitliche Legende, ein katholisch gebliebener Stiftsherr habe nach der Reformation den anderen Bürgern zum Trotz sein Haus mit Heiligenbildern schmücken lassen. Inzwischen ist erwiesen, daß an dem Stiftsherrnhaus ein falscher Name haften blieb, denn die sogenannten Stiftskurien befanden sich durchweg in der Nähe des Mün-
DerSagen-

Die Zuchthauslegende

Oft widerlegt ist auch die Hamelner Zuchthauslegende, auch wenn sie sich hübsch erzählen lässt, und, wie in der Rattenfängersage, die Hamelner Bürger dabei ihr Fett bekommen. So heißt es, die Hamelner hätten in wirtschaftlichen Nöten den Landesherrn um Hilfe angefleht, und dieser habe ihnen die Wahl gelassen, ob sie ein Zuchthaus oder eine Universität  haben wollten. Doch die Hamelner, die bei dem Andrang "wilder" Scholaren um ihre Töchter bangten, hätten sich für ein Haus mit festen Gittern entschieden. Dr. Heinrich Spanuth hat schon vor zwei Jahrzehnten bewiesen, dass die Geschichte auf freier Erfindung beruht. Die letzte landesuniversität, die Georgia Augusta in Göttingen,  und die Errichtung des Hamelner Zuchthauses liegen rund 100 Jahre auseinander. es soll sich um eine Verwechslung mit der Gewährung des Stapelrechts handeln.

Es spukt am Finkenborner Weg

Dass auch die aufgeklärte Gegenwart noch an der Sagenbildung beteiligt ist, zeigt die ,,Spukvilla“ am Finkenborner Weg. Das weithin sichtbare letzte Haus auf der rechten Seite in Richtung Finkenborn stand in den zwanziger Jahren lange leer, weil die ausländischen Besitzer keine Mieter fanden. Trotzdem wollte man in dem unbewohnten Haus oft Licht gesehen haben, ja manchmal schien es, als ob das einsame Gebäude hell erleuchtet sei. Der Irrtum war aber wohl nur durch eine Fensterspiegelung entstanden.
So gibt es für viele Sagen und Legenden vernünftige Erklärungen. Aber ist es nicht viel reizvoller, wenn uns ein paar Geheimnisse bleiben, an denen sich die Einbildung entzünden kann? Denn ,,es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nicht träumen läßt“. Und ohne Sagen und Märchen wäre unsere Welt so arm wie ein Garten ohne Blütenpracht. G. Fließ

Die Kaiserin im Weinberg

In Frankreich gibt es einen Wein, der heißt ,,Pissoterie Imperiale“ (kaiserliche Bedürfnisanstalt). Diese wirklich seltsame Markenbezeichnung kam folgendermaßen zustande: Auf der Fahrt von Paris nach Südfrankreich mußte die Kaiserin Eugenie, die Gemahlin Napoleons III., in der Gegend von Blois aus sehr zwingenden Gründen einen kurzen Aufenthalt nehmen. In Zeitnot zog sich die Kaiserin zwischen die Reben eines Weinberges zurück. Der Besitzer erkannte die große Ghance und gab sofort dem Produkt seiner Weinstöcke den obigen Namen.