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Eine Legende aus Stahl

Das „Ulfberht“-Schwert durchdrang Helme wie Butter / Geschmiedet wurde es wohl im Kloster Fulda

Von Ernst August Wolf

Ein Ulfberht-Schwert! Das, was 2015 15 Kilometer flussabwärts von Hameln aus den Weserfluten auftauchte, war nicht weniger als eine archäologische Sensation. Die Schwerter mit den Ulfberht-Klingen geben den Forschern schon seit langer Zeit Rätsel auf. 167 Exemplare der mittelalterlichen Wunderwaffe wurden bisher gefunden. Neben der geheimnisvollen Inschrift ist es vor allem der besonders hochwertige Stahl, der das Schwert zur Legende machte. Eine Waffe von der es heißt, sie konnte Schädel und Knochen durchdringen wie Butter.

Auch das verrostete, 95 Zentimeter lange Schwert, das bei Baggerarbeiten in Großenwieden gefunden wurde, ist eine Hightech-Waffe aus dem Mittelalter und trägt die Inschrift „Ulfberht“ Bis heute wurden europaweit 167 Schwerter dieser Machart gefunden. Das aus Großenwieden ist in einem sensationell gut erhaltenen Zustand. Wissenschaftler des Landesamtes für Denkmalpflege und der Leibniz-Universität Hannover haben in den vergangenen Jahren mit modernsten Methoden versucht, den Geheimnissen des bisher einzigen „Ulfberht“-Funds in Niedersachsen auf die Spur zu kommen. Der Schwertfund gibt viele Rätsel auf, die nach und nach gelöst werden. Wann und wo ist die Waffe hergestellt worden? Wer war der geheimnisvolle „Ulfberht“, dessen Name die Klinge ziert? Wie gelangte die Waffe in die Weser? Handelt es sich wirklich um eine fränkische Hightech-Waffe?

Eisenschwert Ulfberth

„All diese Fragen können nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen beantwortet werden“, sagt Friedhelm Wulf vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. „Die interdisziplinäre Kooperation ist beispielhaft“, bestätigt auch Dr. Robert Lehmann vom Institut für anorganische Chemie der Leibniz-Universität Hannover. „In diesem Fall sind die Naturwissenschaftler gleich nach der Verbringung des Objektes ins Landesamt eingeschaltet worden und wir haben eine Restaurierungsstrategie unter Berücksichtigung der ersten Messergebnisse erarbeitet.“ Die Restauratoren des Landesamtes untersuchten die Oberfläche, während die Universitätsmitarbeiter den Fund mit mittels Computertomografie und Röntgenaufnahmen analysierten.

 

 Ulfberht Kopie1

Lehmann erklärt: „Zunächst beginnt man dabei mit zerstörungsfreien Methoden wie Mikroskopie und der Röntgenfluoreszenzanalyse. Damit lässt sich die Schwere der Korrosion und die Zusammensetzung des Metalls ermitteln.“ Auch organischen Bestandteile wie die Lederumwicklung lassen sich damit einschätzen. Anhand „weicher“ Röntgenstrahlung ist eine berührungslose und schonende Messung möglich. Komplexere Fragen könnten durch winzige Probenentnahmen beantwortet werden. „Dabei reichen schon winzige Krümel, die bei der Restaurierung abfallen, aus. Die werden dann mit dem Rasterelektronenmikroskop und der Laser-Massenspektrometrie untersucht“, sagt der Chemiker. Dabei können die Herkunft des Eisens und der Rohstoffe ermittelt werden. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Weserschwert mit hoher Wahrscheinlichkeit im 10. Jahrhundert im Kloster Fulda hergestellt wurde. „In einer Isotopenanalyse konnten wir nachweisen, dass das im Griff verarbeitete Blei aus dem Hintertaunusgebiet zwischen Rhein, Lahn und Wetterau stammt“ sagt Lehmann. Neben Fulda könne aber auch das Kloster Lorsch als Herstellungsort infrage kommen. Für beide Stätten sei eine Waffenproduktion historisch belegt.

Ulfberht Kopie 3

Chemiker Lehmann mutmaßt: „Üblicherweise wurden aus Kostengründen möglichst kurze Transportwege bevorzugt. Fulda und Lorsch wären also die nahesten Orte, wo Waffen produziert wurden.“ Hinter die These des britischen Archäometallurgen Alan Williams, der glaubt, dass das Material des Schwertes aus einer Zeit stamme, in der kein europäischer Schmied etwas Derartiges herstellen konnte, die Waffe mithin außereuropäischen Ursprungs sein müsse, setzt Lehmann jedoch ein großes Fragezeichen. „Außereuropäisch? Nein. Laut den naturwissenschaftlichen Ergebnissen ein klares Nein. Zumindest das Schwert aus Niedersachsen wurde wohl im fränkischen Kernland hergestellt. Mag sein, dass es auch im Norden Imitate gab, aber beim Stahl handelt es sich nicht um Tiegelstahl. Eine außereuropäische Herkunft ist also sehr unwahrscheinlich.“ Die Kombination verschiedener Stahlsorten mit entsprechenden Eigenschaften sowie die besondere Form der Waffe sind die entscheidenden Qualitätsmerkmale. Eine „Blutrinne“ senkt das Gewicht und erlaubt ein lichteres Schwingen der Waffe. „Dabei entsteht auch ein charakteristischer Ton. Das ist der sogenannte Gesang der Klinge“, erläutert der Mitarbeiter der Universität. In der Klinge enthaltenes Mangan mache sie zudem einfacher härtbar und lasse sie weniger rosten. Die „Parierstange“ dagegen ist aus einem anderen Stahl gefertigt, der nicht so schnell bricht, wenn sie einen Schlag durch eine andere Klinge abbekommt. Wiederum eine andere Stahlsorte ist bei den Buchstabeneinlagen verwendet worden, sodass sich der „Ulfberht“-Schriftzug gut sichtbar abhebt. Der weiche Stahl dieser Einlagen erlaubt zudem ein besseres Zu- und Einschmieden an und in die Klinge.

Ulfberht

„VLFBERHT“ lautet die Signatur, die sich auf den Schwertern wie ein Markenzeichen wiederfindet. Immer in Kombination mit einem oder zwei Kreuzen vor, hinter oder zwischen den Buchstaben. Manchmal allerdings fehlt ein Buchstabe, als ob ein des Schreibens Unkundiger die Zeichen fehlerhaft kopiert habe. „Auf der Rückseite tragen die Klingen ein charakteristisches Muster, als eine Art Markenzeichen.; diagonal gekreuzte Linien, die ein Rautenmuster ergeben und rechts und links von je zwei oder drei senkrechten Linien flankiert werden, auch das in verschiedenen Variationen“, sagt Friedhelm Wulf vom Landesamt für Denkmalpflege. Als das Schwert bei den Baggerarbeiten gefunden wurde, seien große Teile organischen Materials verloren gegangen, erläutert Wulf: „Bestimmte Strukturen eines Zellgefüges sind nicht mehr erkennbar. Solche zur Bestimmung notwendige Merkmale einer Holzart lassen sich maximal erahnen, reichen aber nicht aus, um Laub- oder Nadelholz zuverlässig zu unterscheiden.“ Eindeutiger dagegen ist ein organischer Befund auf dem Knauf des Schwertes. Dieser war vermutlich mit einem gegerbtem Fell überzogen. An dieser Stelle haben sich zumindest einzelne kurze und dicke Haare und Teile des Leders an verschiedenen Stellen der Korrosionsschicht erhalten. „Die Fellfragmente enden sicht mit dem Knauf, sie ziehen sich bis knapp auf das Griffholz“, sagt Wulf.

Während die Herkunft der Wunderwaffe aus den Weserfluten anscheinend geklärt ist, warten auch nach der chemischen Analyse noch Fragen auf ihre Beantwortung. Wie gelangte die Wunderwaffe, deren Verbreitung von den Franken ob ihres Know-Hows und ihrer Gefährlichkeit verboten wurde, nach Großenwieden? Experimente zeigen, dass es gegen die Hightech-Waffe keinen wirksamen Schutz gab. Die Klinge verursachte im Nahkampf absolut tödliche Verletzungen in einer Zeit, in der schon leichte Verwundungen infolge nicht behandelbarer Infektionen den sicheren Tod bedeuteten. Helmgeschützte Schädel und Knochen durchdrang das „Ulfberht“-Schwert wie Butter. Wer also konnte sich so eine Wunderwaffe leisten? Was das „Ulfberht“-Schwert eine Elitewaffe? Fragen, denen sich nach den naturwissenschaftlich gesicherten Daten zu Material und Herkunft jetzt auch die historische und archäologische Forschung annehmen wird. Denn die Geheimnisse um die Wunderwaffe aus den Weserfluten sind noch lange nicht gelüftet.

Fotos: Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege