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Die Kunst des Töpferns

Ein altes, früher wenig angesehenes Handwerk

Video Die Kunst des Töpferns
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Von Dorothee Balzereit

Ob Schmied, Weber oder Bäcker: Das Bild vieler traditioneller Handwerksberufe hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert, einige sind heute sogar ganz ausgestorben. Andere haben durch Automatisierung und Rationalisierung nur noch in Grundzügen Ähnlichkeit mit ihren ursprünglichen, prägenden Tätigkeiten. Sie sind mit der modernen Gesellschaft gewachsen, bedienen deren Bedürfnisse und erleichtern die Arbeit enorm. Doch auch die alten Abläufe beinhalten wertvolles Wissen, das durch das Auseinanderdriften von Mensch und Natur droht, in Vergessenheit zu geraten. Im Freilichtmuseum Detmold ist das anders: Dort wird gemüllert, gebacken

Marion Mense mag es dreckig. Das muss man auch, wenn man den ganzen Tag Ton schlägt, formt, brennt oder bemalt, sagt sie. Sie gehört zu der Generation, für die Töpfern in den 70er Jahren total hip war. Doch bei Mense wurde aus dem Hobby ein Beruf. Sie hat Töpferin gelernt. Dass Keramiker noch heute ein dreijähriger anerkannter Ausbildungsberuf im Handwerk ist, wüssten die wenigsten. Seit 26 Jahre treibt sie Drehscheibe in der Töpferei Freilichtmuseum Detmold an. Das Wichtigste in ihrem Beruf: „Eine innere Mitte zu haben, sonst wird das mit dem Ton nichts“.

Ob die Töpfer im Mittelalter eine solche hatten, ist zumindest eine interessante Frage, denn das Handwerk wurde gelegentlich, ebenso wie der Ziegler, den „unehrlichen Leuten“ zugerechnet. Vielleicht lag es an schmutzig-erdigen Arbeit, vielleicht auch daran, dass die Töpferwerkstätten meist weit abgeschieden vom Dorf in der Nähe einer Tongrube lagen. Derart von der Gemeinschaft abgesondert, kam den Leuten dort stets in eine Sonderrolle zu. Vielleicht lag es auch daran, dass die Töpfer, die auch Hafner, Krugbäcker, Pötter, Leimenmacher, Ullner oder Eulner genannt wurden, noch lange nach der Christianisierung tönerne Götzenbilder herstellten. Erst im Spätmittelalter gelangte die Töpferei in den Rang eines zünftigen Handwerks: Der älteste bekannte Zunftbrief wurde 1388 für die Töpfer im mitteldeutschen Waldenburg ausgestellt.

Töpfern

Ein anderer Grund warum die Töpfereien so weit abseits lagen, war praktischer Natur: Die von der Werkstatt ausgehende Feuergefahr sollte ferngehalten werden – immerhin wurde der Ofen, in dem die irdenen Gefäße bei 900 Grad gebrannt wurden, 36 bis 40 Stunden mit 1 bis 1,2 Kubikmeter trockenem Buchenholz befeuert. Der Ofen musste sorgfältig beobachtet und nachgefeuert werden. Vielleicht haben das damals die Kinder des Töpfers besorgt, denn die Familie half meist mit. In der Werkstatt arbeiteten in der Regel zwei Töpfer (Meister und Geselle oder Lehrling).

Der Beruf stand an der untersten Skala der zünftig organisierten Handwerker und wurde schlecht bezahlt. Während eine Familie mit der Töpferei kaum den Lebensunterhalt verdienen konnte, brachten es viele Topfhändler zu einigem Reichtum.
Auch im Museumsdorf würde vom funkenversprühenden Ofen der Töpferei Gefahr für die Reetdächer der alten Häuser ausgehen, doch nur an wenigen Stellen wurde auf Authentizität verzichtet. Natürlich arbeitet man heute nicht mehr mit dem gesundheitsschädlichen Bleioxid, das früher als Fließmittel verwendet wurde. Wie im Mittelalter treibt Marion Mense die schnell drehende untere Töpferscheibe mit den Füßen an. Sie ist durch eine senkrechte Achse mit einer oberen Scheibe verbunden, auf der gearbeitet wird. So konnte der Töpfer früher gleichzeitig mit dem Ton arbeiten und die Scheibe in Schwung halten. Heute wird die Scheibe elektrisch angetrieben.

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Hat die Scheibe die richtige Geschwindigkeit, drückt die Töpferin den Ton mit nassen Händen kräftig an, danach beginnt die eigentliche Formgebung: Mit dem Daumen bricht sie den Klumpen auf und beginnt mit der Wandung. Es folgen diverse typische Töpferhandgriffe, bis das - extrem schwabbelige - Gefäß fertig ist. Es wird zu anderen ungebrannten Gefäßen auf die Däisen (Trockengestelle) gestellt. Nach dem Brennen kommen die inzwischen rotbraunen irdenen Pötte ( aus dem Althochdeutschen irden, „aus Erde“) auf die „Pottbretter“ an der Wand. Welche Farbe die Tongefäße am Ende haben, hängt von der regionalen Bodenzusammensetzung ab, aus der der Ton kommt. Heute kann man sich diverse Tonsorten kaufen, sei es sehr feiner Ton oder aber sehr rauer.
Das Geschirr, das im Museumsdorf getöpfert wird, entspricht der Irdenware der ländlichen Töpfereien im Osnabrücker Land. Aber auch im Weserbergland gab es Gegenden, in denen viel getöpfert wurde. Bis ins 12. Jahrhundert reicht in Norddeutschland die Geschichte der Töpferei im Hauswerk (also im Nebenerwerb). Dabei könnten Frauen, ähnlich wie in der Weberei, nach völkerkundlichen parallelen eine wichtige Rolle gespielt haben, erläutert Historiker Hans Georg Stephan. Ab 1120 bis 1150 entstanden spezialisierte Gewerbebetriebe in der Nähe von Tonvorkommen, so auch im Raum Hannover, Hameln, Hildesheim, Alfeld - im mundartlichen „Pottland“. Dazu gehörte auch die Gegend zwischen Springe, Bad Münder, Coppenbrügge und Duingen. Eine Duinger Sage berichtet von flämischen Töpfern, die unter König Heinrich dem Vogeler die örtliche Handwerkstradition begründet haben sollen.
Die Gegend bildete bis 1850 das wichtigste Töpfereizentrum in Nordwestdeutschland zwischen Weser und Leine. Dort entstanden hochwertiges Steinzeug und dekorative Weserware - Irdenware mit Malhorndekor. Die Pottlandkeramik genoss einen hervorragenden Ruf und fand Abnehmer weit über den norddeutschen Raum hinaus.
In Brünnighausen und Dörpe wurde das Handwerk bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts ausgeübt. Neben der farbkräftig dekorierten „Weserware“ spezialisierten sich die Töpfer in Brünnighausen auf die Fertigung von härterem „Steinzeug“. Über die Topfhändler gelangte die Weserkeramik sogar bis nach Russland und Nordamerika.