• Blutbach quer
  • Blutbach quer grün

Das Blut färbte den Quellbach rot

Sagenumwobene Schlacht am Hohenstein: Wie kam der Blutbach zu seinem Namen?

Von Wiebke Westphal

Dunkle Täler und Schluchten, Höhlen und Wasserfälle, ein Felsplateau, auf dem heidnische Gottheiten verehrt wurden, Ortsbezeichnungen wie Grüner Altar oder Teufelskanzel: Die Gegend rund um den Hohenstein ist wie gemacht für Heldengeschichten. Genau hier soll im 8. Jahrhundert ein ganz besonders blutiges Gemetzel stattgefunden haben …

"In monte, qui dicitur Sundal“ – auf einem Berg, der Süntel genannt wird – sollen im Jahr 782, auf dem Höhepunkt eines mehr als 30 Jahre andauernden Feldzuges gegen die Sachsen, Truppen des fränkischen Königs Karl des Großen und des sächsischen Herzogs Widukind aufeinandergetroffen sein. Die Sachsen siedelten damals im Gebiet zwischen Nordsee und Harz, zwischen dem Rhein und der Elbe, Karl der Große wollte mit dieser Fläche nicht nur sein eigenes Reich vergrößern, sondern die heidnischen Sachsen auch unterwerfen und zu gläubigen Christen umerziehen. Auf einem Berg, der Süntel genannt wird also, so sagt es die Legende, sollen sich mehrere Hundert Männer geschlagen haben. Obwohl in der Unterzahl, obwohl die Sachsen den militärisch überlegenen Franken wenige Jahre später letztlich unterlagen, gewann Widukind die Schlacht – ein glorreicher Sieg, sagenumrankt – und die einzige Schlacht, die Karl der Große in den Sachsenkriegen so schmachvoll verlor. Obwohl das Gemetzel geografisch nie eindeutig verortet wurde, zeugen noch heute einige Ortsbezeichnungen davon, dass das Schlachtfeld in unmittelbarer Nähe des Hohensteins lag: im Blutbachtal. Das Blut der Gefallenen, so heißt es, färbte den Quellbach, der nach Hessisch Oldendorf fließt, rot – daher der Name. In unmittelbarer Nähe: Totental und Dachtelfeld (von „tachteln“, rheinisch für „schlagen“).
Der Sage nach stürzten die wenigen überlebenden Franken in panischer Flucht steile Berghänge hinunter, andere wurden von mit Sensen und Forken bewaffneten Dorfbewohnern zu einem nahegelegenen Fluss getrieben und ertranken. Die tatsächliche Quellenlage ist knapp, die einzigen schriftlichen Hinweise finden sich in den „Fränkischen Reichsannalen“, einer Beschreibung der Ereignisse im Herrschaftsbereich der Franken während des 8. und 9. Jahrhunderts, und auch dort sucht man exakte geografische Angaben vergeblich.
Und dennoch: Steile Berghänge – könnte hier nicht der Hohenstein gemeint sein? Und der Fluss, in dem die gegnerischen Krieger ertranken – liegt die Weser nicht nahe? Und könnten die Franken nicht vielleicht auch deshalb so überraschend verloren haben, weil das Waldgebiet damals dicht mit Süntelbuchen bewachsen war – flachen, verdrehten Bäumen mit miteinander verwachsenen Ästen und drehwüchsigen Stämmen –, die ihnen bei Kampf und Flucht die Orientierung nahm?
In der Tat passt der Bereich Hohenstein perfekt in das historische Ambiente: Dunkle Täler und Schluchten, Höhlen und Wasserfälle, frühgeschichtliche Steingräber, geheimnisumwitterte Wallanlagen, ein Felsplateau, auf dem heidnische Gottheiten verehrt wurden. Die Gegend wimmelt nur so von Überlieferungen von Geistern, Riesen, Elfen, sagenhaften Tieren und Gestalten, von Geschichten von heiligen Hainen und Opferstätten. Hinzu kommen Ortsbezeichnungen wie Grüner Altar oder Teufelskanzel – eine Gegend wie gemacht für Heldengeschichten.
Zudem die Lage im norddeutschen Wald: Spätestens in den 1930er Jahren, unter den Nationalsozialisten, wird der Wald im nationalen Sinne missbraucht, zum angestammten und blutig verteidigten Lebensraum der Germanen erhoben, aus denen die Deutschen nahtlos hervorgegangen seien. Schon die Varusschlacht im Teutoburger Wald habe letztlich die Römer davon abgehalten, Germanien bis zur Elbe zu einer Provinz des Römischen Reiches zu machen – warum also sollen die Franken nicht im Blutbachtal zu Fall gebracht worden sein?
Wer heute durchs Blutbachtal wandert, mag beeindruckt sein von dem Bachbett, den immer enger und schmaler werdenden Wegen, den Felswänden, sie sich immer wieder, wie aus dem Nichts, vor dem Wanderer auftürmen. Vom sagenhaften Blut allerdings ist heute keine Spur mehr: nur klares, reines Quellwasser sprudelt am Ende des Tals aus der Quelle.